Nokia schliesst die Tore in Bochum und was das mit Marx zu tun hat...
Im Frühjahr 2008 verkündet die Konzernspitze von Nokia die Produktionsstätte in Bochum zu schliessen und diese nach Rumäninen zu verlagern. Trotz massiver Proteste, liess sich Nokia nicht umstimmen. Wie kommt es dass solche Verlagerunen durchgeführt werden und was das Vorgehen mit der Marx'schen Analyse zu tun hat, versucht die folgende Arbeit Anahltspunkte zu liefern.
1. Einleitung
1.1 Die neue Prekarisierung
1.2 Suche nach Perspektiven
2. Streben nach Profit: Nokia schliesst Werk in Bochum
2.1 Das Streben nach mehr Rendite
2.2 Folgen für den Arbeitsmarkt
3. Die Marx‘sche Mehrwertanalyse
3.1 Die Mehrwerttheorie
3.2 Historischer Kontext der Analyse
4. Die geographische Dimension der Diskussion
5. Fazit
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Die neue Prekarisierung
Mit dem Versprechen Wohlstand, Freiheit und Würde für alle zu bringen ist das neoliberale Projekt nach dem zweiten Weltkrieg lanciert worden und der Markt zum alles regulierenden Instrument erkoren worden (Harvey 2007:29f). Internationale Organisationen wie die Welthandelsorganisation (WTO), der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Weltbank dienten und dienen im Interesse des westlichen Kapitalismus als eigentliche Schrittmacher der Entwicklung. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Ende der 1980er Jahre und der Öffnung Chinas für den Welthandel Mitte der 1990er Jahre wurde das System wahrhaft global. Der hegemoniale Anspruch der Lobbyisten der neoliberalen Ordnung schien sich beinahe gänzlich durchzusetzen und mit dem tatsächlichen Anstieg des Wohlstandes gerade in der westlichen Welt, aber auch in aufsteigenden Schwellenändern, sahen sie sich bestätigt.
Doch allmählich brach Widerstand auf, zu klar traten die krassen Gegensätze ans Tageslicht, welche dieser Aufschwung mit sich brachte. Die massive Ausbeutung grosser Teile der Welt konnten nicht mehr verborgen werden und Risse in der glänzenden Fassade wurden vor allem dann sichtbar, wenn es die Menschen in ihrer eigenen Realität zu betreffen begann; Abbau des Service Public, Liberalisierung der Landwirtschaft, Lohnstagnation und steigender Leistungszwang seien hier als Beispiel genannt. Arbeitslosigkeit, Prekarisierung und Ausbeutung sind für viele wieder zu Schlagworten der eigenen Lebensrealität geworden und werden als Problem wahrgenommen. In manchen europäischen Regionen sind Arbeitslosenquoten von über zehn Prozent bittere Realität und dies, nachdem einige Zeit tatsächlich Vollbeschäftigung geherrscht hatte. Rationalisierung, Privatisierung und Flexibilisierung sind die neuen Zauberformeln des neoliberalen Konsensus und zementieren so eine neue Form der Abhängigkeit und Erniedrigung, indem die Menschen in prekarisierte, demnach ungesicherte, schlecht bezahlte, auf Abruf basierende Arbeitsverhältnisse etc. (vgl. Pelizzari 2008), Lebensbedingungen gedrängt werden. Hier öffnet sich auch in der Schweiz ein breites Feld von sozialen Konflikten, sei es der aktuelle Arbeitskampf bei SBB-Cargo, oder der Konflikt um den Landesmantelvertrag (LMV) im Bauhauptgewerbe. Dies verdeutlicht, dass Neoliberalismus mehr als ein Wirtschaftssystem ist, dass es sich dabei um eine Theorie von gesamtgesellschaftlicher Dimension handelt. Ironischerweise wurde ein lokaler Aufstand im Dschungel Mexikos zur Galionsbewegung des globalisierten Widerstandes. Die Bewegung schwoll an und schuf mit ihren grossen Mobilisierungen in Seattle (1999), Genua (2001), Genf (2003), Rostock (2007) und an vielen anderen Orten einen globalen Gegenkonsens, dass eine andere Welt nicht nur möglich sei, sondern auch notwendig.
1.2 Suche nach Perspektiven
Auf der Suche nach Gegenvorschlägen zu dieser Realität werden längst verstaubte und überholt geglaubte Analysen wieder ausgegraben. Eine der zentralsten dieser kritischen Analysen ist das am Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlichte Werk von Karl Marx - Das Kapital. Doch wird die Auseinandersetzung darüber, welche Gültigkeit das Werk hat, heute nicht minder ideologisch geführt wie zu seiner Erscheinungszeit (Heinrich 2004:28f).
Die vorliegende Proseminararbeit beschäftigt sich in einem ersten Teil mit einem aktuellen Beispiel aus der Wirtschaftswelt, der Schliessung des Handywerkes von Nokia in Bochum (Deutschland). Im zweiten Teil wird ein Teilaspekt der Marx‘schen Analyse – die Mehrwerttheorie – als theoretischer Erklärungsansatz diskutiert. Im dritten Teil werden die Auswirkungen auf die geographische Diskussion der dargelegten Mechanismen grob skizziert. Im letzten Abschnitt wird Bilanz gezogen und die Auslegeordnung zusammengefügt. Als roter Faden durch die Arbeit dient die Frage:
Können die Ansätze der Marx‘schen Kritik der Ökonomie, im Speziellen der Ansatz der Mehrwerttheorie, heute noch angewandt werden, um die Prekarisierung der Arbeitsbedingungen zu erklären?
Hierbei stütze ich meine Analyse in erster Linie auf die entsprechenden Kapitel von Das Kapital von Karl Marx (1867). Als Interpretationshilfe ziehe ich die Arbeiten von Michael Heinrich (2004) und Ernest Mandel (1978) bei. Zur Bearbeitung des ersten Teils stütze ich mich auf die gute mediale Dokumentation der Ereignisse in Bochum, da eine tiefgreifendere Analyse den Umfang der Arbeit sprengen würde. Zur Interpretation des Kontextes ziehe ich Arbeiten zum Neoliberalismus von Christoph Butterwege et al. (2007), David Harvey (2007), so wie eine Arbeit zur Marginalsierung von Ben Diettrich (1999) bei.
2. Streben nach Profit: Nokia schliesst Werk in Bochum
Am 15. Januar 2008 verkündete der Nokiakonzern per Pressemitteilung den Bescheid das Werk in Bochum zu schliessen, das Gros der Belegschaft musste die Nachricht per öffentlichem Rundfunk erfahren. In Bochum, wo, bedingt durch den Strukturwandel nach dem Zusammenbruch der Kohleindustrie, die Arbeitslosigkeit mit 10,2% ohnehin hoch ist (Bomsdorf/Müller 2008), trifft die Entscheidung die Menschen hart. Besonders hart trifft der Entscheid auch deshalb, weil niemand damit gerechnet hatte. An der Sitzung des Aufsichtsrates des Werkes, an welcher die Schliessung bekannt gegeben wurde, war eigentlich der Ausbau traktandiert gewesen. 14,3 Millionen Euro sollten in die Automatisierung investiert werden und so den Standort erheblich aufwerten (Schraven/Frigelj 2008).
Betroffen von der Schliessung sind sämtliche 2‘300 Angestellten von Nokia in Bochum, weitere rund 1‘000 Personen in Zulieferfirmen und nochmals ca. 1‘000 Temporärangestellte (WDR.de 2008). Als Grund für die drastische Massnahme wurde in der Medienmitteilung „fehlende Wettbewerbsfähigkeit des Standortes“ genannt, welche auch mit grossem Aufwand nicht zu korrigieren sei. Die Produktion werde an andere europäische Standorte verlagert, lautete die Mitteilung weiter (Nokia 2008.1). So zumindest die offizielle Lesart, denn schon bald wurden Zweifel an dieser Auslegung vorgebracht. Spätestens als das deutsche Magazin Capital aufdeckte, dass das Werk 134 Millionen Euro Betriebs-, so wie 70 Millionen Euro Zinsgewinn abwirft (Hillebrand/Kowalewsky 2008), wurden Vorwürfe laut ausgesprochen. Auch die von Nokia neun Tage nach der Hiobsbotschaft veröffentlichten Jahreszahlen für 2007 bringen keine Klarheit. Denn die Zahlen sind gut, Nokia weist einen Reingewinn von 7‘205 Millionen Euro aus, was einer Gewinnsteigerung von 67% im Vergleich zum Vorjahr entspricht (Nokia 2008.2). VertreterInnen der IG Metall werfen Nokia blanke Profitgier vor, und auch Torsten Gerpott, Telekommunikationsexperte an der Universität Duisburg-Essen, sieht die Werkschliessung kritisch.
"Mobiltelefone werden hochautomatisiert gefertigt. Das Kostenargument ist damit vorgeschoben", sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Er gehe davon aus, dass die weltweite strategische Neuausrichtung Nokias mit der Konzentration auf wenige Standorte der eigentliche Grund für die Schliessung sei. "Der Standort Bochum ist klein. Und den Kleinsten beissen dann halt die Hunde", sagte er. (Schultz 2008)
Diese Einschätzung wird auch durch einen Blick auf die Absatzzahlen von Handygeräten untermauert. Während Nokia in den USA einen Einbruch von 23.3% und in Lateinamerika nur gerade ein Wachstum von 7% ausweisen kann, explodieren die Zahlen im Mittleren Osten, in Afrika, Asien und China förmlich mit einer mittleren Zuwachsrate von ungefähr 40% (Nokia 2008.2). So ist nicht erstaunlich, dass Nokia, um in den neuen Märkten auch konkurrenzfähig zu sein, die Massenproduktion in den deutlich günstigeren europäischen Osten nach Rumänien und Ungarn, die qualitativ Hochwertige Arbeit nach Finnland verlagert (Haustein-Teßmer 2008).
In Bochum solidarisierten sich PolitikerInnen aller Couleur mit den ArbeiterInnen und versprachen Unterstützung. Selbst die Bundeskanzlerin Angela Merkel mischte mit und führte Gespräche mit der Nokiaspitze. PolitikerInnen, welche bis anhin wenig anderes getan hatten als die neoliberale Wirtschaftsordnung durchzusetzen, koste es was es wolle, ereiferten sich nun über das Verhalten des Mobilfunkkonzerns. Runde Tische, Demonstrationen und medienwirksame Aktionen gab es zu hauf. Vom Streik als letztes Mittel wurde jedoch abgesehen, was teils harte Kritik und Vorwürfe gegenüber der IG Metall und dem Betriebsrat auslöste (Behruzi 2008). Trotz alledem war die Nokia- Konzernspitze nicht umzustimmen und am Schluss stand fest; das Werk wird schliessen. Annika Joeres resümiert nach dem Scheitern der Bemühungen mit kritischem Ton in der Frankfurter Rundschau:
Politiker haben ihre Brandreden und Buttons auf dem Nadelstreifenanzug wohl sowieso nicht ernst genommen. Die Mitarbeiter aber haben am Dienstagmittag echte Tränen vergossen. […]Selbst wenn es den Politikern darum gegangen sein sollte, möglichst viel für die Beschäftigten herauszuholen, sind sie mit dem Kalkül gescheitert. Nokia hat bislang keine neuen Zugeständnisse gemacht. […] Vor allem Politiker sollten Lehren aus der Nokia-Debatte ziehen. Ein eiskalt kalkulierender Konzern lässt sich nicht mit ritualisierten Parolen und Reden voller nationaler Untertöne von seiner Entscheidung abbringen. Auch die Arbeiter müssen künftig gewarnt sein: Wenn Jürgen Rüttgers [Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen, CDU, d. Verf.] vor dem Werkstor mit einem Hubschrauber auftaucht, ist es für die Rettung von Arbeitsplätzen viel zu spät. (Joeres 2008)
Der gerichtliche Prozess, welcher nun durch das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) gegen Nokia angestrebt wird, um rund 40 Millionen Euro der gesamthaft 60 Millionen Fördermittel zurück zu fordern (Sueddeutsche 2008.1), erscheint nach dem Verlust von 4‘500 Arbeitsplätzen als reine Kosmetik, zumal zumindest der Wirtschaftsminister von NRW über Verstösse gegen die Subventionsvorlagen in den Jahren 2004 und 2005 Bescheid wusste und diese auch goutiert haben soll (Sueddeutsche 2008.2).
2.1 Das Streben nach mehr Rendite
Nach den Boomjahren im Mobiltelefoniemarkt hat sich nun im Westen eine gewisse Sättigung eingestellt und sich somit der globale Konkurrenzkampf verschärft, was die Anbieter von Mobiltelefonen vor neue Herausforderungen stellt. Bedingt durch die grosse Konkurrenz verschärft sich der Preiskampf und die Preise für die Geräte geraten immer stärker unter Druck. Um in diesem Kreislauf bestehen zu können, müssen die Kosten für die Produktion gesenkt und andere Marktsektoren erschlossen werden. Im Fall von Nokia versucht der Konzern ins Softwarebusiness einzusteigen und tritt somit in direkte Konkurrenz mit grossen Anbieteren wie Vodafone oder T-Mobile. Die Absicherung dieser Kampfansage ist der grosse Marktanteil von etwa 40%, welchen Nokia im Bereich von Handygeräten besitzt. Dies bedeutet, dass, auch wenn sich der Konzern neue Einkommensmöglichkeiten zu erschliessen beginnt, er ohne die Produktion von „Hardware“ nicht existieren kann (Bomsdorf/Müller 2008).
Das Verhalten von Nokia widerspiegelt in deutlicher Weise die neoliberalen Wirtschaftmechanismen. Während die Dividenden seit dem Jahr 2003 von 0.30 Euro stetig auf nun 0.53 Euro pro Aktie gestiegen sind und somit für das Jahr 2007 voraussichtlich 2‘111 Millionen Euro an die Aktionäre ausbezahlt werden (Nokia 2008.3:9), wird ein profitables Werk geschlossen. PolitikerInnen und Fachleute beklagen in aller Öffentlichkeit den Zerfall der sozialen Verantwortung. Sie vergessen dabei, dass dieses Verhalten als integraler Bestandteil dem System selbst innewohnt. Wenn nur die Profitrate, das Verhalten bestimmt, kann nicht erwartet werden, dass die soziale Komponente als ein wichtiger Faktor in der Entscheidungsfindung einfliesst. Die Entkopplung der Bindung zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen, welche gerade durch die Globalisierung mit ihrer räumlichen Dekonzentration stark voran getrieben wird, erschwert auch die Appellation an das individuelle Moralbewusstsein der ManagerInnen. Angestellte haben oftmals nur noch die Funktion einer Jongliermasse auf Papier inne – „Humankapital“ halt. Ein weiterer in diese Richtung wirkender Faktor ist der Finanzmarkt. Als wichtiger Kapitalgeber für die globalen Konzerne kann dieser deren Verhalten massgeblich mit steuern. Butterwege schrieb hierzu:
Wenn die Volkswirtschaften miteinander verwachsen, der Weltmarkt die Politik der Nationalsaaten diktiert und Gesellschaften nur noch als „Wirtschaftsstandorte“ fungieren, deren Konkurrenzfähigkeit über das Wohlstandsniveau aller entscheidet, kann das Soziale keine grosse Rolle mehr spielen. (Butterwegge 2007:143)
Bedingt durch das stetige Streben nach Profit, suchen die Unternehmen immer neue Möglichkeiten den Gewinn zu steigern. Da in Westeuropa in vielerlei Hinsicht strenge Rahmenbedingungen gelten, seien dies Umweltvorschriften, Lohn- und Arbeitszeitrichtlinien, ist der Handlungsspielraum zur Steigerung der Profitrate nur begrenzt. Um also das Kapital schneller zirkulieren zu lassen und somit mehr Profit zu erzeugen, wandern Konzerne gerade mit den arbeitsintensivsten Sparten ins Ausland ab, teils nach China, aber auch nach Osteuropa. Osteuropa ist mit der Anknüpfung an die Europäische Union ein beliebtes Ziel für viele westeuropäische Industrielle geworden. Gerade die klassischen KMU nutzen die Nähe und die günstigen Konditionen (Sinn 2004:113). Meist sind aber nicht nur die günstigen Lohnkosten, sondern auch die weniger restriktiven Rahmenbedingungen die Ursachen einer Verlagerung. Nicht erstaunlich ist deshalb, dass, Nokia kaum in Rumänien niedergelassen, über die Arbeitsbedingungen zu verhandeln begann. Gemäss dem Rumänischen Gewerkschaftsbund soll das Ziel sein, die Arbeitszeit von heute zulässigen 48 Stunden pro Woche auf 60 bis 70 Stunden zu steigern, was als „neue Form der Sklaverei“ kritisiert wird (Frankfurter Rundschau 2008). Auf dem Buckel der ArbeitnehmerInnen soll also die Mehrwertrate und damit auch der Profit gesteigert werden. Verlierer in diesem Spiel sind immer die einfachen Angestellten, welche durch ihr „kapitalloses“ Dasein zur Veräusserung ihrer Arbeitskraft zu Gunsten anderer gezwungen sind.
2.2 Folgen für den Arbeitsmarkt
Dass gerade die Wohlstandsgesellschaft in der westlichen Welt vor einem ständig wachsenden Problem steht, ist mittlerweile ein weit verbreiteter Konsens. In Die Welt warnt Held im Zusammenhang mit der Nokiakrise davor, dass es sich auf Dauer kein „80-Millionen-Land“ leisten könne, sämtliche Arbeitsplätze für weniger Qualifizierte zu verlieren. „Wer das Wissen und die hohe Qualifikation zur wesentlichen Ressource unseres Landes erklärt, macht die angelernten Arbeiter zum Auslaufmodell.“ Als Folge davon müssten riesige Fördermittel aufgeworfen werden, um die Produktion überhaupt noch rentabel zu halten. In Bochum sei nun diese Spirale zwischen „Verteuerung und Fördern“ gebrochen. „Förderland ist abgebrannt, Teuerland steht in voller Grösse da.“ (Held 2008)
Die Zahlen selbst sind in der Tat beunruhigend. In den Jahren zwischen 1995 und 2003 sind in der deutschen Industrie die Anzahl Angestellte um zehn Prozent, die investierte Arbeitszeit gar um 14% gesunken (Sinn 2004:114). Dieser Niedergang der Industrie konnte durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze nicht genügend abgefedert werden, so blieben in erster Linie schlecht qualifizierte Menschen auf der Strasse (Sinn 2004:115). Um die Arbeitslosenstatistiken etwas zu verschönern, wurden die grosse Arbeitslosengeld-Reformen (Hartz IV) in Deutschland durchgeführt und damit Langzeitarbeitslose dem Sozialamt übergeben.
Um die Krise zu überwinden müsste gemäss Sinn den Löhnen die Möglichkeit gegeben werden sich anzupassen. Jene in den Billigproduktionsländern würden den Marktgesetzen zu Folge, bedingt durch die Kapitalzufuhr, automatisch steigen und seien deshalb nicht das Problem. Die Löhne im Westen jedoch könnten durch Vorgaben, welche in erster Linie durch die Gewerkschaften verteidigt werden, nicht sinken, demnach also eine Anpassung nicht stattfinden. Um dieses Dilemma zu beseitigen, schlägt er vor, den Staat als Partner in die Wirtschaft zu integrieren. Anstelle von Fördergeldern soll der Staat die niedrigsten Löhne subventionieren. Als weitere Massnahme schlägt Sinn die Beteiligung der Angestellten an den Gewinnen vor, so dass in guten Zeiten Teile des Gewinns in die Taschen der ArbeitnehmerInnen als Absicherung für schlechtere Zeiten fliessen könnten (Sinn 2004:119). Die Vorschläge mögen in einem neoliberalen, marktorientierten Kontext ihre Richtigkeit haben. Aber gerade der erste Punkt, den Staat als Partner einzubinden, würde eine ganz neue Dimension von Externalisierung von Defizit darstellen. Ein Defizit nämlich, das rein aus dem Verhältnis mit anderen, günstigeren Lohnkosten entsteht, also de facto nur relativ ist. Nunmehr sollen also nicht mehr nur die einzelnen Angestellten für den Profit der Konzerne arbeiten, sondern die ganze Gesellschaft.
Dies führt zwangsläufig zu einer Verschärfung der Ausbeutung und Abhängigkeitsverhältnisse. Staat und Privatwirtschaft würden in eine Art Symbiose eintreten und sich gegenseitig stützen. Das Verhältnis zwischen LohnarbeiterInnen und KapitalistInnen würde weiter zementiert und der Druck zur flexiblen Arbeit zusätzlich erhöht. Ähnlich wie bei der Konzeption des keyneschen Sozialstaates selbst (Haas/Neumair 2007:85) geht es beim Vorschlag der staatlichen Unterstützung der Löhne nicht um einen sozialen Akt, sondern um eine weitere Form der Umverteilung von unten nach oben. Die Konsumkraft der westlichen Welt soll erhalten bleiben, damit die Konzerne weiter zu überteuerten Preisen ihre billig produzierten Produkte verkaufen können. Lordon schreibt dazu in einem Artikel zur gegenwärtigen Finanzkrise:
Diese politisch gewollte Entwicklung hat schwerwiegende soziale Folgen. Weil die Konkurrenz einen permanenten, unaufhörlich wachsenden Druck auf die Preise und damit letztlich auf die Lohnkosten ausübt, begründet sie die öffentliche, wenngleich ideologische Herrschaft einer permanenten "Preis-Lohn-Spirale". In deren Logik wird das Argument der fehlenden Kaufkraft sofort mit dem Hinweis auf die Folgen für die Preise ausgehebelt, nach dem Motto: Wenn die Menschen als Lohnempfänger etwas verlangen, appelliert man an sie als Konsumenten.
Aber gerade die niedrigen Preise sorgen zugleich dafür, dass auch die Nominallöhne der arbeitenden Menschen sinken. Mit dem ökonomisch erzwungenen Gang zum Superdiscounter stärken die konsumierenden Arbeitnehmer unwillentlich die Legitimation des Systems, das sie beutelt. Eine teuflische Endlosschleife hält den pausenlosen Druck auf die Massenkaufkraft aufrecht, der seinerseits die Flaute des privaten Konsum und der globalen Nachfrage nach sich zieht. (Lordon 2008:7)
Eine weitere Komponente dieser Entwicklung ist, dass eben jene Menschen, welche aus der Arbeitswelt als Arbeitslose oder als SozialhilfeempfängerInnen ausscheiden, als Druckmittel gegen jene eingesetzte werden können, welche Arbeit haben. Desto grösser die Zahl Menschen, die genötigt sind, zu schlechten Konditionen zu arbeiten, desto eher werden aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz Zugeständnisse eingegangen. Dies führt in die stetige Prekarisierung der Arbeitswelt. Das beständige gegenseitige Ausspielen von jenen, die etwas haben, gegen jene die weniger haben, findet auf diversen Ebenen statt. Zum Beispiel Arbeitslose gegen Temporärangestellte, Temporärangestellte gegen jene in einem Normalarbeitsverhältnis, aber auch MigrantInnen gegen Einheimische, Frauen gegen Männer und so weiter. Eine weitere Ebene stellt die Kinderarbeit dar. Marx beschrieb diese Entwicklung der Industriellen Reservearmee als „kapitalistische Grundlage“ schon in Das Kapital (Marx 1867:354). Finsterbusch beschreibt Knappheit in seinem Aufsatz Knappheit und ihre sozialen Folgen als logische Konsequenz der Ungleichheit. „Der Arbeitsmarkt [schrumpft] als Folge der Knappheit, insbesondere für Ungelernte und bei den Niedriglohnjobs, und unter ungelernten Arbeitern nimmt die Konkurrenz um die verbleibenden, häufig unterbezahlten Arbeitsplätze stark zu.“ (Finsterbusch 2003:131) Diettrich beschreibt diese Entwicklung als grundsätzliche Gefahr für die soziale Einheit einer Gesellschaft und warnt vor der Verschärfung von Klassenkonflikten.
Der im Fordismus aufgebaute Sozialstaat wird gegenwärtig immer weiter demontiert. Diese Entwicklung und die damit parallel einhergehende Auflösung der Normalarbeitsverhältnisse werden mittelfristig auch die sozialen Formationen an der gesellschaftlichen Oberfläche verändern. (Diettrich 1999:24)
Der Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhaltes und die damit verbundene Klassenfragmentierung ist schliesslich aber auch eine Gefahr für das Wirtschaften selbst. Aus ständiger Angst, mit Widerspruch konfrontiert zu werden, steht die Wirtschaftselite immer vor der Aufgabe das Mass zu wahren zwischen Ausbeutung und Profit und versucht deshalb Verschlechterungen nur schleichend umzusetzen. Als einen weiteren Ansatz zur Unterbindung von Konflikten mit einem „Klassenbewusstsein“, versuchen die neoliberalen Marktstrategen persönlichen Misserfolg als eine Folge von individuellem Scheitern darzustellen. Es wird möglichst alles getan, um die Bildung eines gemeinsamen Klassenbewusstseins als ausgebeutete ArbeiterInnenklasse zu untergraben. Chomsky meint Ironisch: „Mit anderen Worten, es ist nicht leicht, Menschen davon zu überzeugen, dass die Reichen die Armen ausplündern sollten; ein PR-Problem, das bis jetzt noch nicht gelöst ist.“ (Chomsky 2004:61)
Als letzet Konsequenz bedeutet dies, dass der Sozialstaat als solcher, ein Hemmnis für das „freie“ Wirtschaften darstellt, eine zu starke Umverteilung von oben nach unten gar unerwünscht ist, da es die kapitalistischen Interessen unterwandert. Um die Gesellschaft dennoch zusammenzuhalten wird dem Staat die Rolle des repressiven Ordners zugeteilt, der die Bevölkerung ruhig halten und möglichst günstige Rahmenbedingungen zum Wirtschaften verteidigen soll. Neoliberalismus und eine aktiv gelebte Demokratie sind demnach nur schwerlich vereinbar. (Harvey 2007:83-90)
3. Die Marx‘sche Mehrwertanalyse
Marx analysiert in Das Kapital die kapitalistischen Abläufe aus einem kritischen Blickwinkel. Er erklärte das Zusammenspiel von Kapital und Verelendung der ArbeiterInnen und beschreibt das kapitalistische System als Krisenhaft. Da Akkumulation von Kapital und Profit erst durch Generierung von Mehrwert ermöglicht werde, ist die Mehrwerttheorie ein Kernstück seiner Arbeit, in welchem er erklärt wie die Ausbeutung der ArbeiterInnen zustande komme.
3.1 Die Mehrwerttheorie
Um die Akkumulation von Mehrwert zu ermöglichen mussten zuerst im Wesentlichen drei Faktoren umgesetzt werden:
Erste Bedingung ist die Legitimation von Privateigentum und dessen gesellschaftliche Garantierung. Zweitens mussten die ArbeiterInnen formell befreit werden, denn in einem kapitalistischen Kontext sind sie doppelt frei, freie Eigentümer ihrer Arbeitskraft, was die Auflösung der Feudalherrschaft bedingt, aber auch frei von jeglichem sachlichen Eigentum, was sie zur Lohnarbeit zwingt (Heinrich 2004:88). Und drittens musste Geld als reine Äquivalentform überwunden werden (vgl. Willenbrock 2008). Denn Waren werden mit anderen Waren getauscht und erhalten dadurch einen Gegenwert, dieser ist es, welcher der Ware Wert beimisst, da Ware durch sich selbst keinen Tauschwert haben kann. „Der Wert der Leinwand kann also nur relativ ausgedrückt werden, das heisst in anderer Ware“ (Marx 1867:29). Diese andere Ware bezeichnet Marx als Äquivalent, welche den Relativwert einer anderen Ware ausdrückt (Marx 1867:30). Um aber als Kapital akkumuliert zu werden, muss diese direkte Kopplung gelöst werden und Geld durch sich selbst Wert erhalten. Dies führt zu einer gesellschaftlichen Verschiebung des Verständnisses von Geld, weg von der Nutzung als Äquivalent hin zu einer durch sich selbst Wert darstellenden Summe, welche akkumuliert werden kann.
Mehrwert entsteht in der Produktion von Ware. In der kapitalistischen Produktion wird die Ware zu einem Selbstzweck der Akkumulation von Kapital und dient somit als reiner potentieller Träger von Gewinn. Marx schreibt dazu, „Das konstante Kapital, die Produktionsmittel, sind, vom Standpunkt des Verwertungsprozesses betrachtet, nur da, um Arbeit und mit jedem Tropfen Arbeit ein proportionelles Quantum Mehrarbeit einzusaugen.“(Marx 1867:191) Doch wie genau entsteht Mehrwert?
Der Wert einer Ware setzt sich aus zwei Formen von Kapital zusammen, einerseits dem Konstanten Kapital (c), welches sich aus den Produktionsmitteln, wie etwa Maschinen, Liegenschaften oder Rohmaterial, zusammensetzt. Zweite Kapitalgrösse ist das Variable Kapital (v), welches sich in erster Linie aus den Löhnen der ArbeiterInnen zusammensetzt (Marx 1867:170). Bestünde nun aber der Wert einer Ware lediglich durch c und v, würde noch keine Akkumulation stattfinden, denn so würden „nur“ die Auslagen für die Produktion gedeckt. Da aber das Ziel des Investierenden darin liegt Kapital zu akkumulieren, muss eine weitere Grösse die Formel vervollständigen: der Mehrwert (m). Da nur die Ware Arbeit alleine im Stande ist einer anderen Ware Wert zuzuführen (Mandel 1978:99), wird Arbeit auf dem Arbeitsmarkt gekauft. Der Lohn dafür entspricht aber nicht dem Wert der Arbeit selbst, sondern erkauft wird sich das Recht die Arbeitskraft einen Tag zu gebrauchen (Marx 1867:187). Der Lohn für die Arbeit entspricht dem Wertegesetz folgend den täglichen Reproduktionskosten (vgl. Marx 1867: Kapitel I), welche anfallen um die Ware Arbeitskraft zu erhalten. Die Differenz zwischen dem im Arbeitsprozess erarbeiteten Werts und dem Wert der Arbeitskraft ist somit der Mehrwert (Heinrich 2004:99). Mehrwert entsteht also dadurch, dass nicht die gesamte Arbeit, welche in eine Ware einfliesst, entlöhnt wird also ein Teil unentgeltlich geleistet werden muss (Marx 1865:43-45). Auf das Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft, welche Lohn als Preis für die geleistete Arbeit versteht, antwortet Marx, „wenn so ein Ding, wie Wert der Arbeit, wirklich existierte und er [der Kapitalist, d. Verf.] diesen Wert wirklich zahlte, kein Kapital existierte, sein Geld sich nicht in Kapital verwandeln würde“ (Marx 1867:299).
Mandel bezeichnet den Mehrwert als „die Geldform des gesellschaftlichen Mehrproduktes“ (Mandel 1978:105). Dieses Mehrprodukt wird vom Kapitalisten angeeignet und zur weiteren Bildung von Mehrwert reinvestiert. Diesen Kreislauf aus Mehrwert und Kapital, bezeichnet Marx Akkumulation des Kapitals (Marx 1867:318). Die Mehrwertrate gibt den Grad der Ausbeutung der ArbeiterInnen an und wird definiert durch m/v, die für den Kapitalisten interessantere Profitrate errechnet sich durch m/(v+c).
Der Mehrwert lässt sich auf zwei Arten steigern, zum einen kann die reale Arbeitszeit ausgedehnt werden, zum anderen durch die Steigerung der Mehrwertrate innerhalb der gegeben Arbeitszeit, etwa durch Senkung der Löhne oder Verbesserung der Maschinenleistungen (Marx 1867:207). In beiden Fällen wird die Ausbeutung der ArbeiterInnen versschärft. Ausbeutung im Marx‘schen Verständnis ist keine Angabe über die Arbeitsbedingungen. Ausbeutung definiert sich durch das Verhältnis m/v. Also findet Ausbeutung überall dort statt, wo in einem kapitalistischen Prozess gearbeitet wird, die Arbeitsbedingungen spielen dabei keine Rolle (Heinrich 2004:119). Die Möglichkeit zur Steigerung des Mehrwertes durch relative Faktoren führt zum Bestreben der KapitalistInnen möglichst in alle Sparten des Lebens vorzudringen, damit aus jeder menschlichen Handlung und Bedürfnisdeckung in doppeltem Sinne Kapital gewonnen werden kann. In doppeltem Sinne, weil einerseits die Kapitalisierung einer Branche neuen Akkumulationsraum bietet und andererseits so die Reproduktionskosten der ArbeiterInnen gesenkt werden und dadurch die Löhne nach unten angepasst werden können.
Das Streben nach Mehrwert führt zu einer pulsierenden Bewegung des Kapitals. Investiert wird jeweils in gerade boomende Branchen. Dies führt zu einer Konzentration von Kapital in einem Sektor und zum Abfluss in einem anderen. Auf beiden Seiten verursacht diese Entwicklung Krise. Auf der einen Seite durch die verstärkte Konkurrenz, was zu Preisdruck und somit zu einer Schmälerung der Profitrate führt. Die andere Seite gerät in Schwierigkeiten aus Mangel an Kapital (Mandel 1978:187).
Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise bringt also notwendig eine Zentralsierung und Konzentration des Kapitals mit sich. Die Durchschnittsgrösse der Unternehmen wächst unaufhörlich; eine grosse Zahl kleiner Unternehmen wird durch eine geringe Zahl Grossunternehmen, die einen wachsenden Anteil des Kapitals, der Arbeit, der Gelder und der Produktion in allen Industriezweigen kontrollieren, im Konkurrenzkampf geschlagen. […] So setzt die kapitalistische Produktion den Prozess der Enteignung fort, der am Anfang der kapitalistischen Produktionsweise steht. Aber nicht unabhängige Erzeuger sind die Oper, sonder die Kapitalisten selbst. Die Geschichte des Kapitals ist die Geschichte der Zerstörung des Eigentums von vielen zugunsten einer immer kleiner werdenden Minderheit. (Mandel 1978:192f)
Doch genau dieser Konkurrenzkampf ist auch die grosse Gefahr des Systems, denn das unaufhörliche Streben nach Gewinnmaximierung benötigt Unmengen an Investitionen vor allem im Bereich des konstanten Kapitals und die verschärfte Konkurrenz schmälert die Profitrate zusätzlich und so sich selbst immer aufs Neue reproduzierend das gesamte System in die Krise führe. Dies führt zum Phänomen, welches Marx als den tendenziellen Fall der Profitrate bezeichnet (Marx 1867:615). Doch gerade dieser Teil seiner Theorie ist bis heute heftig umstritten geblieben und wird eher negiert als befürwortet (Heinrich 2004:149-153).
3.2 Historischer Kontext der Analyse
Die Ideen von Karl Marx haben die neuere Weltgeschichte massgeblich mitgeprägt. Hierbei ist es interessant nach dem historischen Kontext der Marx‘schen Analyse zu fragen, auch wenn dies hier nur oberflächlich angeschnitten werden kann. Die Arbeiten von Marx fielen in eine revolutionäre Epoche, ganz Europa wurde in regelmässigen Abständen von Revolutionen erschüttert. Marx sah darin einen vorgegeben Prozess, denn „die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ (Marx/Engels 1848:19). Die Französischen Revolution von 1789 war für ihn „die Entfesselung und Herstellung der modernen bürgerlichen Gesellschaft“(Marx 1852:116), welche das Emporkommen des Kapitalismus erst ermöglichte. Als demnach nächsten logischen Schritt in der Geschichte betrachtete Marx die proletarische Revolution, welche nunmehr alle Klassengegensätze auflösen sollte und die Gesellschaft in den Kommunismus überleiten werde. Die Geschehnisse in Paris 1871 bekräftigten ihn in seiner Analyse.
Die Kommune wollte jenes Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum der wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner. Sie wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem die Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in blosse Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt. (Marx 1871:342)
Um seine gesellschaftlichen Interpretationen zu verifizieren, welche er in unzähligen Schriften darlegte, allen voran im Kommunistischen Manifest (1848), arbeitete Marx intensiv an der ökonomischen Gesellschaftsanalyse. Aus dieser Auseinandersetzung gingen die drei Bücher des Das Kapital hervor. Gemäss Mandel waren es vier Strömungen, welche seine Arbeit auf theoretischer Ebene massgeblich beeinflussten.
Marxism emerged at once as a revolutionary and a progressive unification of:
• the social sciences,
• the political emancipation movement, mainly the revolutionary organisations born of the far left of the French revolution,
• the elementary and spontaneous workers’ movement, created by the workers themselves outside any philosophical or sociological theoretical school,
• pre-Marxist socialism, that is the drafting of projects for a better society and other “solutions to the social question” at a mainly theoretical and ideological level: philosophical, sociological, economic theories combined with educational and philanthropic activities (foundation of the first “communist” colonies). (Mandel 1989:4f)
Heute noch wird Marx kontrovers diskutiert. Für die VertreterInnen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung liegt er schlicht falsch und die Tatsache, dass in den letzten Jahrzehnten ein enormer Wohlstand generiert wurde, reicht als Widerlegung seiner Analyse.
Die von ihm postulierten Entwicklungsgesetze entbehren aber nicht nur einer befriedigenden Begründung – sie sind auch, was wichtiger ist, eindeutig empirisch wiederlegt worden. Trotz Zunahme der Kapitalintensität ist die Gewinnrate nicht gesunken, sondern (mehr oder weniger) gleich geblieben und es kam zu keiner Verelendung, sondern zu einem noch nie dagewesenen Massenwohlstand. (Söllner 2001:271)
Dabei wird aber gänzlich ausgeklammert, dass sich im selben Zeitraum die globale soziale Schere geöffnet hat und ein grosser Teil der Menschheit nicht an diesem Aufschwung teilhaben konnte, oder der „globale“ Aufschwung gar eher negative Folgen hatte (IAO 2004:44-50). Seit dem 2. Weltkrieg und noch verstärkter nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der Öffnung Chinas wurde eine Vielzahl von Menschen in die internationale Wirtschaft einbezogen, ohne nur im Geringsten davon zu profitieren. Die neu einbezogenen Regionen vermochten wohl das Sinken der Profite immer wieder aufzufangen. Da sich aber im gleichen Entwicklungsprozess der Öffnung die regionale Verteilung der Finanzkraft keineswegs gleichmässiger gestaltet hat und sich die neu eingebundenen Regionen nicht mit der ihnen zugewiesenen Rolle als Wohlstandproduzenten abfinden werden, dürfte auf Dauer die ungleiche Verteilung zum Stolperstein des Systems werden.
So wird auch heute noch in kritischeren Kreisen die marxistische Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie zumindest als Ansatzpunkt anerkannt. Gestritten wird vielmehr darüber, ob Marx in Das Kapital die ökonomische Geschichte der Menschheit aufrollte, oder ob der Istzustand des kapitalistischen Systems analysiert wurde (Heinrich 2004:28f).
4. Die geographische Dimension der Diskussion
Das globale Wirtschaften, das beständige Streben nach Profit so wie die abstrakte Ebene der Finanzwelt, haben vielfältige Einflüsse auf die menschliche Lebenswelt. Sie wirken stark auf die sozialen Verhältnisse, sie manifestieren sich aber auch deutlich in der materiellen Lebenswelt und wirken demnach auch auf die Geographie.
Die dem kapitalistischen Prozess innewohnenden Zyklen der Finanzströme lassen Geld nicht nur als Kapital in Konzerne fliessen, sondern auch in deren materiellen Standorte. Was bedeutet, dass sich Kapital auch materiell sichtbar auf der Erdoberfläche manifestiert. Die Clustereffekte von Wirtschaftskonglomeraten bilden nicht nur grosse Ansammlungen von Fabriken, sondern auch „Hot-Spots“ des Kapitals, welche wie ein Magnet auf andere ProduzentInnen wirken können. Kapitalzirkulation und Standortwahl stehen dadurch in einer direkten Interaktion. Speziell an diesem Mechanismus ist, dass die Zirkulation von grossen Mengen an Kapital in einer Region, nicht zwingend zum Wohlstand dieser Regionen führen muss. Viele eher ärmere Regionen der Welt sind zu den Produktionszentren der westlichen Industrien degradiert worden und produzieren den Wohlstand des Westens. Kapital fliesst zwar in grossen Mengen in die Produktionsstandorte, die Akkumulation geschieht aber anderenorts. Hierbei wird deutlich, welche Mobilität Kapital aufweist. Die Folge, Wohlstand bleibt weiterhin höchst ungleichmässig verteilt und die Heerscharen von billigen Arbeitskräften profitieren nichts von ihrem generierten Gewinn.
Die Sektoralen wirtschaftlichen Zuordnung entsprechen auch in etwa der räumlichen Verteilung des Kapitalreichtums. Finanzstarke Regionen, demnach reiche Regionen, sind auch die globalen Dienstleistungs- und Kapitalinstitutszentren, landwirtschaftlich und industriell geprägte Regionen dagegen eher ärmlich. Daraus abgeleitet entsteht ein Peripherie-Zentrum Modell, welches je nach Grössendimension der Betrachtungsebene ein anderes Bild zeigt. Im globalen Massstab ist der westliche Wirtschaftsraum Zentrum und der Rest Peripherie. Auf kleineren Ebenen zeichnet sich ein differenzierteres Bild. So gelten viele der Metropolen der aufsteigenden Industrienationen auch eher als Zentrum, da ihre Funktion als Knotenpunkte der Finanzströme unabdingbar ist. Umgekehrt sind zum Beispiel Teile Spaniens, Portugals, Ostdeutschlands oder vom Tourismus abgeschnittene, inneralpine Regionen auch peripher. Auch in den Städten selbst gibt es Peripherie- Zentrummuster. Der Westen selbst kann also nicht als homogenes Zentrum verstanden werden und hat intern einen ausgeprägten Zentrum-Peripheriecharakter. Harvey bezeichnet die boomenden Grossstädte New York, London, Paris, Frankfurt, Hongkong, Tokio und Shanghai als „spektakuläre Wohlstandsinseln“, in welchen sich der Immobilenmarkt „zu einem Hauptmotor der Kapitalakkumulation“ entwickelt hat (Harvey 2007:196). Mit welch hohen Risiken in dieser Branche spekuliert wurde, zeigt die gegenwärtige Finanzkrise nur allzu deutlich.
Ein geographischer Ansatz, welcher diese Analyse berücksichtigt, ist die Dependenztheorie, insbesondere die Theorie des strukturellen Imperialismus von Johan Galtung (1972) (Haas/Neumair 2007:71-73). Weniger leistungsfähige Regionen werden nach Butterwegge zwangsläufig durch die neoliberalen Mechanismen, wie zum Beispiel Prekarisierung und Polarisierung zwischen Arm und Reich, zusehend in periphere Abhängigkeiten gedrängt (Butterwegge 2007:209). Zusätzlich zu der ohnehin vorhandenen vertikalen Segregation, welche zur Klassenfragmentierung führt, verschärft sich durch das profitorientierte Wirtschaften auch die horizontale Dimension der Segregation, „also hinsichtlich regionaler Disparitäten“(Butterwegge 2007:212). In Städten zum Beispiel sind informelle Grenzen letztlich oftmals die Folge von ökonomischen Verhältnissen und führen somit zu einer räumlichen Zuordnung durch die Wohlstandsverhältnisse.
Eine weitere Dimension der räumlichen Auswirkungen sind die Migrationsströme. Weltweit zieht es Menschen zu Hundertausenden in die Städte, was gerade in der dritten Welt zu gewaltigen Binnenmigrationsströmen führt. Dies bringt grosse demographische und soziale Umwälzungen mit sich. Noch in diesem Jahr wird eine historische Marke erreicht werden. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte werden mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben, davon eine Milliarde in Slums (GEO 2008:128). Die Menschen strömen in die Städte auf der Suche nach Arbeit, sozialer Sicherheit und Ausbildungsmöglichkeiten. Die Realität sieht aber meist anders aus. Sie bilden ein riesiges Potential an ArbeiterInnen, welche zu unwürdigen Konditionen zu arbeiten bereit sind und somit durch ihr prekarisiertes Dasein alleine in die globale Industrielle Reservearmee eingebunden werden. Die hohe Mobilität des Kapitals im Verhältnis zu den Migrationsströmen ist hierbei Schlüssel zum Verständnis des Druckmittels, welches gegen die Arbeitsnehmenden und die Löhne eingesetzt wird. Harvey erklärt den Mechanismus wie folgt:
Die neoliberale Strategie will die Schutzvorrichtungen […] abschaffen. Der Generalangriff auf die Arbeiterschaft setzt an zwei Punkten an: Erstens wird die Macht von Gewerkschaften und anderen Institutionen der Arbeiterklasse innerhalb des jeweiligen Staats (notfalls mit Gewalt) beschnitten oder aufgerieben. […] Die zweite neoliberale Attacke setzt bei den Veränderungen der räumlichen und zeitlichen Parameter des Arbeitsmarktes an. […] Entscheiden ist [..] die geographische Mobilität des Kapitals, denn sie garantiert die strukturelle Dominanz gegenüber einem globalen Arbeiterpotentials, dessen eigene geographische Mobilität begrenzt ist. Weil die Einwanderung behindert wird, sind die ortsgebundenen Arbeitskräfte überall in Massen vorhanden. Wenn nötig können die Immigrationshindernisse aber auch umgangen werden: zum einen durch illegale Einwanderung, die ein leicht auszubeutendes Arbeiterreservoir schafft, zum anderen durch kurzfristige Arbeitsverträge, die es zum Beispiel ermöglichen, dass Arbeiter […] eingestellt werden, die im Krankheitsfall einfach über die Grenze zurückgeschickt werden. (Harvey 2007:208f)
Nun wäre also auch die internationale Migration ins Spiel gebracht, welche wie die Binnenmigration ein Massgeblicher Faktor für die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen darstellt. Zum einen für die MigrantInnen selbst, welche oftmals zu äusserst schlechten Bedingungen arbeiten müssen, und zum anderen durch ihre Funktion als Druckmittel auf die Löhne. Ihre Notlage wird zur Notlage aller ArbeiterInnen. Ausgebeutet werden sie auch von politischen Institutionen, welche mit plumper Fremdenfeindlichkeit in Zeiten der Unsicherheit Wählerstimmen erhaschen.
5. Fazit
Zu Beginn der Arbeit stand die Frage, ob die Marx‘sche Mehrwerttheorie noch als Ansatz zur Analyse der aktuell sich verschärfenden Ungleichheiten dienen kann, als Beispiel wurde die Werkschliessung in Bochum beigezogen. Die Frage lässt sich jedoch nicht ohne eine Positionierung beantworten, da, wie schon erwähnt, der Diskurs über die Richtigkeit der Marx‘schen Analyse immer noch höchst ideologisch geführt wird.
Aus dem gängigen Blickwinkel der Wirtschaftswelt entsteht Mehrwert durch das Zusammenspiel der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital. Jedes beteiligte Individuum erhalte entsprechend der Aufwendungen seinen gerechten Anteil am Kuchen, ArbeiterInnen den Lohn, KapitalistInnen den Profit, BodenbesitzerInnen die Grundrente (Heinrich 2004:13f). Lohn wird als gerechte Entschädigung der Arbeit empfunden und das Vorhandensein von Mehrarbeit verneint. Die Aneignung des Profits durch die InvestorInnen wird als rechtmässig empfunden – schliesslich trage man ja auch das finanzielle Risiko.
Doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass Profit in erster Linie im Arbeitsprozess generiert wird. Dies ist auch den Konzernspitzen wohl bewusst, weshalb auch die grossen Verlagerungen nach Osteuropa und Asien im Gange sind. Verlagerungen machen nur dann Sinn wenn es sich wirklich lohnt, ansonsten sind das Risiko und die Investitionen zu hoch. Dies ist auch der Nokiaspitze bewusst, ansonsten hätten sie kaum einen rentablen Standort in Deutschland aufgegeben und grosse Verlagerungsinvestitionen auf sich genommen, wenn die Aussicht auf mehr Rendite nicht gesichert wäre. Es geht darum den Mehrwert in der Produktion zu steigern. Leidtragende sind die Arbeitnehmenden, jene, welche zu miserablen Konditionen arbeiten müssen, aber auch jene, welche im Westen auf Grund von Umstrukturierungen ihre Arbeit verlieren. In Rumänien werden durch Nokia zwar Arbeitsplätze geschaffen, aber zu welchen Konditionen verdeutlicht der Antrag von Nokia zur Verlängerung der Arbeitszeit. In Deutschland hingegen verlieren an die 4‘500 Menschen ihre Arbeit. Obwohl sie vorläufig von der Politik Unterstützung zugesichert bekommen, wird es schwierig werden. In der Region Bochum sind ohnehin über 10% der Menschen arbeitslos, unzählige vom Sozialamt abhängig und dort gezwungen Eineuro-Jobs anzunehmen, wollen sie nicht Kürzungen des Sozialgeldes hinnehmen. Viele sind gezwungen Temporäranstellungen anzunehmen, jene welche eine Festanstellung erhalten, wissen ihre Arbeitsbedingungen in ständiger Konkurrenz mit günstigeren Standorten. Die Prekarisierung der Arbeitsbedingungen ist in vollem Gange.
Voraussetzung für die Akkumulation von Kapital ist, dass durch Arbeit mehr Wert generiert wird als durch Lohn entschädigt. Der Lohn für die Arbeit entspricht also nie dem Wert, der einem Produkt durch Arbeit zugeführt wird. Soweit dürften sich die liberalen Theoretiker und Marx wohl noch einig sein. Doch nun scheiden sich die Geister. Marx spricht hier, entgegen der gängigen Auffassung, von Lohn als gerechten Gegenwert für die Leistungen der ArbeiterInnen, von Ausbeutung. Mehrwert sei immer das Produkt menschlicher Arbeit und die Aneignung des Profites durch die KapitalistInnen unrechtmässig. Würden nämlich die ArbeiterInnen den gesamten Gegenwert ihrer Arbeit erhalten, währe der Mehrwert und als Folge davon der Profit abgeschafft.
Welche Sichtweise nun eingenommen wird, ist eine ideologische Frage. In der direkten Konsequenz ist es jedoch irrelevant, welche Auffassung vertreten wird. Denn es handelt sich bei beiden Versionen lediglich um Denkmuster. Für die Lebensrealität, der Millionen Menschen welche in schlechten ökomischen Bedingungen leben, ihre Arbeitskraft zu schlechten Bedingungen zu verkaufen gezwungen sind, unter katastrophalen Arbeitsbedingungen leiden und kaum genug Lohn erhalten um sich über Wasser zu halten, ändert es nichts. Relevant ist die Ansicht „nur“ für die „Gerechtigkeitsdiskussion“.
Zugegeben, im Westen ist die Lage etwas weniger dramatisch, doch auch hier existiert ein eklatantes Gefälle zwischen Arm und Reich. Die soziale Segregation setzt sich unvermindert fort und die Gesellschaften zerfallen unter dem ständig wachsenden Leistungs- und Konkurrenzdruck in miteinander konkurrierende Individuen – eine neue Form des darwinschen Konzeptes „Survival of the fittest“. Die Weissagungen, dass die Probleme, welche das System produziere, lediglich die Folge von zu wenig Liberalisierung seien, welche mit mehr freiem Markt gelöst würden, dürfen zumindest angezweifelt werden. Die Auffassung, dass das kapitalistische System nicht in der Krise steckt, sondern es die Krise selbst produziert, wird erneut diskutabel. Butterwegge schliesst das Kapitel Die soziale Sicherheit wird zum „Standortrisiko“ erklärt mit den Worten:
Lohn- und Leistungskürzungen im Sozialbereich sind keine zwangsläufige Konsequenz der sich real verschärfenden Weltmarktkonkurrenz, vielmehr integraler Bestandteil einer Strategie, welche die bestehenden Macht-, Einkommens- und Vermögensverhältnisse zugunsten der ohnehin Privilegierten verschiebt.(Butterwegge 2007:146)
Um die Frage nun noch zu beantworten: Ja, ich denke, die ökonomische Analyse von Marx ist aktueller denn je. Die Mehrwerttheorie ist zweifelsohne ein zentrales Element der Aufdeckung der real existierenden Ausbeutungsverhältnisse. Am Beispiel Bochum wird klar, welche Wichtigkeit die Lohnkosten auf den Profit haben. Werden diese also gekürzt (relativer Mehrwert), gleichzeitig die Arbeitszeit verlängert (absoluter Mehrwert), lässt sich der Profit deutlich steigern, zumal die Geräte weiterhin zu den gewohnten Preisen abgesetzt werden können. Der Fall Nokia ist Sinnbild für die aktuelle Wirtschaftsentwicklung und die Marx’sche Analyse des Mehrwertes lässt sich auf den Fall anwenden und entwirrt so das scheinbar irrationale Vorgehen als kapitalistisch rational. Auch wenn es den neoliberalen FundamentalistInnen nicht genehm sein mag, ihr Verhalten als Ausbeutung verstanden zu wissen und sie sich lieber als noble Financiers sehen, bin ich persönlich dennoch der Ansicht, dass es kein legitimes Recht gibt, sich das Produkt der Arbeit anderer anzueignen und würde dies als Diebstahl bezeichnen.
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by ContraInfo
Proseminararbeit WS08
1. Einleitung
1.1 Die neue Prekarisierung
1.2 Suche nach Perspektiven
2. Streben nach Profit: Nokia schliesst Werk in Bochum
2.1 Das Streben nach mehr Rendite
2.2 Folgen für den Arbeitsmarkt
3. Die Marx‘sche Mehrwertanalyse
3.1 Die Mehrwerttheorie
3.2 Historischer Kontext der Analyse
4. Die geographische Dimension der Diskussion
5. Fazit
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Die neue Prekarisierung
Mit dem Versprechen Wohlstand, Freiheit und Würde für alle zu bringen ist das neoliberale Projekt nach dem zweiten Weltkrieg lanciert worden und der Markt zum alles regulierenden Instrument erkoren worden (Harvey 2007:29f). Internationale Organisationen wie die Welthandelsorganisation (WTO), der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Weltbank dienten und dienen im Interesse des westlichen Kapitalismus als eigentliche Schrittmacher der Entwicklung. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Ende der 1980er Jahre und der Öffnung Chinas für den Welthandel Mitte der 1990er Jahre wurde das System wahrhaft global. Der hegemoniale Anspruch der Lobbyisten der neoliberalen Ordnung schien sich beinahe gänzlich durchzusetzen und mit dem tatsächlichen Anstieg des Wohlstandes gerade in der westlichen Welt, aber auch in aufsteigenden Schwellenändern, sahen sie sich bestätigt.
Doch allmählich brach Widerstand auf, zu klar traten die krassen Gegensätze ans Tageslicht, welche dieser Aufschwung mit sich brachte. Die massive Ausbeutung grosser Teile der Welt konnten nicht mehr verborgen werden und Risse in der glänzenden Fassade wurden vor allem dann sichtbar, wenn es die Menschen in ihrer eigenen Realität zu betreffen begann; Abbau des Service Public, Liberalisierung der Landwirtschaft, Lohnstagnation und steigender Leistungszwang seien hier als Beispiel genannt. Arbeitslosigkeit, Prekarisierung und Ausbeutung sind für viele wieder zu Schlagworten der eigenen Lebensrealität geworden und werden als Problem wahrgenommen. In manchen europäischen Regionen sind Arbeitslosenquoten von über zehn Prozent bittere Realität und dies, nachdem einige Zeit tatsächlich Vollbeschäftigung geherrscht hatte. Rationalisierung, Privatisierung und Flexibilisierung sind die neuen Zauberformeln des neoliberalen Konsensus und zementieren so eine neue Form der Abhängigkeit und Erniedrigung, indem die Menschen in prekarisierte, demnach ungesicherte, schlecht bezahlte, auf Abruf basierende Arbeitsverhältnisse etc. (vgl. Pelizzari 2008), Lebensbedingungen gedrängt werden. Hier öffnet sich auch in der Schweiz ein breites Feld von sozialen Konflikten, sei es der aktuelle Arbeitskampf bei SBB-Cargo, oder der Konflikt um den Landesmantelvertrag (LMV) im Bauhauptgewerbe. Dies verdeutlicht, dass Neoliberalismus mehr als ein Wirtschaftssystem ist, dass es sich dabei um eine Theorie von gesamtgesellschaftlicher Dimension handelt. Ironischerweise wurde ein lokaler Aufstand im Dschungel Mexikos zur Galionsbewegung des globalisierten Widerstandes. Die Bewegung schwoll an und schuf mit ihren grossen Mobilisierungen in Seattle (1999), Genua (2001), Genf (2003), Rostock (2007) und an vielen anderen Orten einen globalen Gegenkonsens, dass eine andere Welt nicht nur möglich sei, sondern auch notwendig.
1.2 Suche nach Perspektiven
Auf der Suche nach Gegenvorschlägen zu dieser Realität werden längst verstaubte und überholt geglaubte Analysen wieder ausgegraben. Eine der zentralsten dieser kritischen Analysen ist das am Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlichte Werk von Karl Marx - Das Kapital. Doch wird die Auseinandersetzung darüber, welche Gültigkeit das Werk hat, heute nicht minder ideologisch geführt wie zu seiner Erscheinungszeit (Heinrich 2004:28f).
Die vorliegende Proseminararbeit beschäftigt sich in einem ersten Teil mit einem aktuellen Beispiel aus der Wirtschaftswelt, der Schliessung des Handywerkes von Nokia in Bochum (Deutschland). Im zweiten Teil wird ein Teilaspekt der Marx‘schen Analyse – die Mehrwerttheorie – als theoretischer Erklärungsansatz diskutiert. Im dritten Teil werden die Auswirkungen auf die geographische Diskussion der dargelegten Mechanismen grob skizziert. Im letzten Abschnitt wird Bilanz gezogen und die Auslegeordnung zusammengefügt. Als roter Faden durch die Arbeit dient die Frage:
Können die Ansätze der Marx‘schen Kritik der Ökonomie, im Speziellen der Ansatz der Mehrwerttheorie, heute noch angewandt werden, um die Prekarisierung der Arbeitsbedingungen zu erklären?
Hierbei stütze ich meine Analyse in erster Linie auf die entsprechenden Kapitel von Das Kapital von Karl Marx (1867). Als Interpretationshilfe ziehe ich die Arbeiten von Michael Heinrich (2004) und Ernest Mandel (1978) bei. Zur Bearbeitung des ersten Teils stütze ich mich auf die gute mediale Dokumentation der Ereignisse in Bochum, da eine tiefgreifendere Analyse den Umfang der Arbeit sprengen würde. Zur Interpretation des Kontextes ziehe ich Arbeiten zum Neoliberalismus von Christoph Butterwege et al. (2007), David Harvey (2007), so wie eine Arbeit zur Marginalsierung von Ben Diettrich (1999) bei.
2. Streben nach Profit: Nokia schliesst Werk in Bochum
Am 15. Januar 2008 verkündete der Nokiakonzern per Pressemitteilung den Bescheid das Werk in Bochum zu schliessen, das Gros der Belegschaft musste die Nachricht per öffentlichem Rundfunk erfahren. In Bochum, wo, bedingt durch den Strukturwandel nach dem Zusammenbruch der Kohleindustrie, die Arbeitslosigkeit mit 10,2% ohnehin hoch ist (Bomsdorf/Müller 2008), trifft die Entscheidung die Menschen hart. Besonders hart trifft der Entscheid auch deshalb, weil niemand damit gerechnet hatte. An der Sitzung des Aufsichtsrates des Werkes, an welcher die Schliessung bekannt gegeben wurde, war eigentlich der Ausbau traktandiert gewesen. 14,3 Millionen Euro sollten in die Automatisierung investiert werden und so den Standort erheblich aufwerten (Schraven/Frigelj 2008).
Betroffen von der Schliessung sind sämtliche 2‘300 Angestellten von Nokia in Bochum, weitere rund 1‘000 Personen in Zulieferfirmen und nochmals ca. 1‘000 Temporärangestellte (WDR.de 2008). Als Grund für die drastische Massnahme wurde in der Medienmitteilung „fehlende Wettbewerbsfähigkeit des Standortes“ genannt, welche auch mit grossem Aufwand nicht zu korrigieren sei. Die Produktion werde an andere europäische Standorte verlagert, lautete die Mitteilung weiter (Nokia 2008.1). So zumindest die offizielle Lesart, denn schon bald wurden Zweifel an dieser Auslegung vorgebracht. Spätestens als das deutsche Magazin Capital aufdeckte, dass das Werk 134 Millionen Euro Betriebs-, so wie 70 Millionen Euro Zinsgewinn abwirft (Hillebrand/Kowalewsky 2008), wurden Vorwürfe laut ausgesprochen. Auch die von Nokia neun Tage nach der Hiobsbotschaft veröffentlichten Jahreszahlen für 2007 bringen keine Klarheit. Denn die Zahlen sind gut, Nokia weist einen Reingewinn von 7‘205 Millionen Euro aus, was einer Gewinnsteigerung von 67% im Vergleich zum Vorjahr entspricht (Nokia 2008.2). VertreterInnen der IG Metall werfen Nokia blanke Profitgier vor, und auch Torsten Gerpott, Telekommunikationsexperte an der Universität Duisburg-Essen, sieht die Werkschliessung kritisch.
"Mobiltelefone werden hochautomatisiert gefertigt. Das Kostenargument ist damit vorgeschoben", sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Er gehe davon aus, dass die weltweite strategische Neuausrichtung Nokias mit der Konzentration auf wenige Standorte der eigentliche Grund für die Schliessung sei. "Der Standort Bochum ist klein. Und den Kleinsten beissen dann halt die Hunde", sagte er. (Schultz 2008)
Diese Einschätzung wird auch durch einen Blick auf die Absatzzahlen von Handygeräten untermauert. Während Nokia in den USA einen Einbruch von 23.3% und in Lateinamerika nur gerade ein Wachstum von 7% ausweisen kann, explodieren die Zahlen im Mittleren Osten, in Afrika, Asien und China förmlich mit einer mittleren Zuwachsrate von ungefähr 40% (Nokia 2008.2). So ist nicht erstaunlich, dass Nokia, um in den neuen Märkten auch konkurrenzfähig zu sein, die Massenproduktion in den deutlich günstigeren europäischen Osten nach Rumänien und Ungarn, die qualitativ Hochwertige Arbeit nach Finnland verlagert (Haustein-Teßmer 2008).
In Bochum solidarisierten sich PolitikerInnen aller Couleur mit den ArbeiterInnen und versprachen Unterstützung. Selbst die Bundeskanzlerin Angela Merkel mischte mit und führte Gespräche mit der Nokiaspitze. PolitikerInnen, welche bis anhin wenig anderes getan hatten als die neoliberale Wirtschaftsordnung durchzusetzen, koste es was es wolle, ereiferten sich nun über das Verhalten des Mobilfunkkonzerns. Runde Tische, Demonstrationen und medienwirksame Aktionen gab es zu hauf. Vom Streik als letztes Mittel wurde jedoch abgesehen, was teils harte Kritik und Vorwürfe gegenüber der IG Metall und dem Betriebsrat auslöste (Behruzi 2008). Trotz alledem war die Nokia- Konzernspitze nicht umzustimmen und am Schluss stand fest; das Werk wird schliessen. Annika Joeres resümiert nach dem Scheitern der Bemühungen mit kritischem Ton in der Frankfurter Rundschau:
Politiker haben ihre Brandreden und Buttons auf dem Nadelstreifenanzug wohl sowieso nicht ernst genommen. Die Mitarbeiter aber haben am Dienstagmittag echte Tränen vergossen. […]Selbst wenn es den Politikern darum gegangen sein sollte, möglichst viel für die Beschäftigten herauszuholen, sind sie mit dem Kalkül gescheitert. Nokia hat bislang keine neuen Zugeständnisse gemacht. […] Vor allem Politiker sollten Lehren aus der Nokia-Debatte ziehen. Ein eiskalt kalkulierender Konzern lässt sich nicht mit ritualisierten Parolen und Reden voller nationaler Untertöne von seiner Entscheidung abbringen. Auch die Arbeiter müssen künftig gewarnt sein: Wenn Jürgen Rüttgers [Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen, CDU, d. Verf.] vor dem Werkstor mit einem Hubschrauber auftaucht, ist es für die Rettung von Arbeitsplätzen viel zu spät. (Joeres 2008)
Der gerichtliche Prozess, welcher nun durch das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) gegen Nokia angestrebt wird, um rund 40 Millionen Euro der gesamthaft 60 Millionen Fördermittel zurück zu fordern (Sueddeutsche 2008.1), erscheint nach dem Verlust von 4‘500 Arbeitsplätzen als reine Kosmetik, zumal zumindest der Wirtschaftsminister von NRW über Verstösse gegen die Subventionsvorlagen in den Jahren 2004 und 2005 Bescheid wusste und diese auch goutiert haben soll (Sueddeutsche 2008.2).
2.1 Das Streben nach mehr Rendite
Nach den Boomjahren im Mobiltelefoniemarkt hat sich nun im Westen eine gewisse Sättigung eingestellt und sich somit der globale Konkurrenzkampf verschärft, was die Anbieter von Mobiltelefonen vor neue Herausforderungen stellt. Bedingt durch die grosse Konkurrenz verschärft sich der Preiskampf und die Preise für die Geräte geraten immer stärker unter Druck. Um in diesem Kreislauf bestehen zu können, müssen die Kosten für die Produktion gesenkt und andere Marktsektoren erschlossen werden. Im Fall von Nokia versucht der Konzern ins Softwarebusiness einzusteigen und tritt somit in direkte Konkurrenz mit grossen Anbieteren wie Vodafone oder T-Mobile. Die Absicherung dieser Kampfansage ist der grosse Marktanteil von etwa 40%, welchen Nokia im Bereich von Handygeräten besitzt. Dies bedeutet, dass, auch wenn sich der Konzern neue Einkommensmöglichkeiten zu erschliessen beginnt, er ohne die Produktion von „Hardware“ nicht existieren kann (Bomsdorf/Müller 2008).
Das Verhalten von Nokia widerspiegelt in deutlicher Weise die neoliberalen Wirtschaftmechanismen. Während die Dividenden seit dem Jahr 2003 von 0.30 Euro stetig auf nun 0.53 Euro pro Aktie gestiegen sind und somit für das Jahr 2007 voraussichtlich 2‘111 Millionen Euro an die Aktionäre ausbezahlt werden (Nokia 2008.3:9), wird ein profitables Werk geschlossen. PolitikerInnen und Fachleute beklagen in aller Öffentlichkeit den Zerfall der sozialen Verantwortung. Sie vergessen dabei, dass dieses Verhalten als integraler Bestandteil dem System selbst innewohnt. Wenn nur die Profitrate, das Verhalten bestimmt, kann nicht erwartet werden, dass die soziale Komponente als ein wichtiger Faktor in der Entscheidungsfindung einfliesst. Die Entkopplung der Bindung zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen, welche gerade durch die Globalisierung mit ihrer räumlichen Dekonzentration stark voran getrieben wird, erschwert auch die Appellation an das individuelle Moralbewusstsein der ManagerInnen. Angestellte haben oftmals nur noch die Funktion einer Jongliermasse auf Papier inne – „Humankapital“ halt. Ein weiterer in diese Richtung wirkender Faktor ist der Finanzmarkt. Als wichtiger Kapitalgeber für die globalen Konzerne kann dieser deren Verhalten massgeblich mit steuern. Butterwege schrieb hierzu:
Wenn die Volkswirtschaften miteinander verwachsen, der Weltmarkt die Politik der Nationalsaaten diktiert und Gesellschaften nur noch als „Wirtschaftsstandorte“ fungieren, deren Konkurrenzfähigkeit über das Wohlstandsniveau aller entscheidet, kann das Soziale keine grosse Rolle mehr spielen. (Butterwegge 2007:143)
Bedingt durch das stetige Streben nach Profit, suchen die Unternehmen immer neue Möglichkeiten den Gewinn zu steigern. Da in Westeuropa in vielerlei Hinsicht strenge Rahmenbedingungen gelten, seien dies Umweltvorschriften, Lohn- und Arbeitszeitrichtlinien, ist der Handlungsspielraum zur Steigerung der Profitrate nur begrenzt. Um also das Kapital schneller zirkulieren zu lassen und somit mehr Profit zu erzeugen, wandern Konzerne gerade mit den arbeitsintensivsten Sparten ins Ausland ab, teils nach China, aber auch nach Osteuropa. Osteuropa ist mit der Anknüpfung an die Europäische Union ein beliebtes Ziel für viele westeuropäische Industrielle geworden. Gerade die klassischen KMU nutzen die Nähe und die günstigen Konditionen (Sinn 2004:113). Meist sind aber nicht nur die günstigen Lohnkosten, sondern auch die weniger restriktiven Rahmenbedingungen die Ursachen einer Verlagerung. Nicht erstaunlich ist deshalb, dass, Nokia kaum in Rumänien niedergelassen, über die Arbeitsbedingungen zu verhandeln begann. Gemäss dem Rumänischen Gewerkschaftsbund soll das Ziel sein, die Arbeitszeit von heute zulässigen 48 Stunden pro Woche auf 60 bis 70 Stunden zu steigern, was als „neue Form der Sklaverei“ kritisiert wird (Frankfurter Rundschau 2008). Auf dem Buckel der ArbeitnehmerInnen soll also die Mehrwertrate und damit auch der Profit gesteigert werden. Verlierer in diesem Spiel sind immer die einfachen Angestellten, welche durch ihr „kapitalloses“ Dasein zur Veräusserung ihrer Arbeitskraft zu Gunsten anderer gezwungen sind.
2.2 Folgen für den Arbeitsmarkt
Dass gerade die Wohlstandsgesellschaft in der westlichen Welt vor einem ständig wachsenden Problem steht, ist mittlerweile ein weit verbreiteter Konsens. In Die Welt warnt Held im Zusammenhang mit der Nokiakrise davor, dass es sich auf Dauer kein „80-Millionen-Land“ leisten könne, sämtliche Arbeitsplätze für weniger Qualifizierte zu verlieren. „Wer das Wissen und die hohe Qualifikation zur wesentlichen Ressource unseres Landes erklärt, macht die angelernten Arbeiter zum Auslaufmodell.“ Als Folge davon müssten riesige Fördermittel aufgeworfen werden, um die Produktion überhaupt noch rentabel zu halten. In Bochum sei nun diese Spirale zwischen „Verteuerung und Fördern“ gebrochen. „Förderland ist abgebrannt, Teuerland steht in voller Grösse da.“ (Held 2008)
Die Zahlen selbst sind in der Tat beunruhigend. In den Jahren zwischen 1995 und 2003 sind in der deutschen Industrie die Anzahl Angestellte um zehn Prozent, die investierte Arbeitszeit gar um 14% gesunken (Sinn 2004:114). Dieser Niedergang der Industrie konnte durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze nicht genügend abgefedert werden, so blieben in erster Linie schlecht qualifizierte Menschen auf der Strasse (Sinn 2004:115). Um die Arbeitslosenstatistiken etwas zu verschönern, wurden die grosse Arbeitslosengeld-Reformen (Hartz IV) in Deutschland durchgeführt und damit Langzeitarbeitslose dem Sozialamt übergeben.
Um die Krise zu überwinden müsste gemäss Sinn den Löhnen die Möglichkeit gegeben werden sich anzupassen. Jene in den Billigproduktionsländern würden den Marktgesetzen zu Folge, bedingt durch die Kapitalzufuhr, automatisch steigen und seien deshalb nicht das Problem. Die Löhne im Westen jedoch könnten durch Vorgaben, welche in erster Linie durch die Gewerkschaften verteidigt werden, nicht sinken, demnach also eine Anpassung nicht stattfinden. Um dieses Dilemma zu beseitigen, schlägt er vor, den Staat als Partner in die Wirtschaft zu integrieren. Anstelle von Fördergeldern soll der Staat die niedrigsten Löhne subventionieren. Als weitere Massnahme schlägt Sinn die Beteiligung der Angestellten an den Gewinnen vor, so dass in guten Zeiten Teile des Gewinns in die Taschen der ArbeitnehmerInnen als Absicherung für schlechtere Zeiten fliessen könnten (Sinn 2004:119). Die Vorschläge mögen in einem neoliberalen, marktorientierten Kontext ihre Richtigkeit haben. Aber gerade der erste Punkt, den Staat als Partner einzubinden, würde eine ganz neue Dimension von Externalisierung von Defizit darstellen. Ein Defizit nämlich, das rein aus dem Verhältnis mit anderen, günstigeren Lohnkosten entsteht, also de facto nur relativ ist. Nunmehr sollen also nicht mehr nur die einzelnen Angestellten für den Profit der Konzerne arbeiten, sondern die ganze Gesellschaft.
Dies führt zwangsläufig zu einer Verschärfung der Ausbeutung und Abhängigkeitsverhältnisse. Staat und Privatwirtschaft würden in eine Art Symbiose eintreten und sich gegenseitig stützen. Das Verhältnis zwischen LohnarbeiterInnen und KapitalistInnen würde weiter zementiert und der Druck zur flexiblen Arbeit zusätzlich erhöht. Ähnlich wie bei der Konzeption des keyneschen Sozialstaates selbst (Haas/Neumair 2007:85) geht es beim Vorschlag der staatlichen Unterstützung der Löhne nicht um einen sozialen Akt, sondern um eine weitere Form der Umverteilung von unten nach oben. Die Konsumkraft der westlichen Welt soll erhalten bleiben, damit die Konzerne weiter zu überteuerten Preisen ihre billig produzierten Produkte verkaufen können. Lordon schreibt dazu in einem Artikel zur gegenwärtigen Finanzkrise:
Diese politisch gewollte Entwicklung hat schwerwiegende soziale Folgen. Weil die Konkurrenz einen permanenten, unaufhörlich wachsenden Druck auf die Preise und damit letztlich auf die Lohnkosten ausübt, begründet sie die öffentliche, wenngleich ideologische Herrschaft einer permanenten "Preis-Lohn-Spirale". In deren Logik wird das Argument der fehlenden Kaufkraft sofort mit dem Hinweis auf die Folgen für die Preise ausgehebelt, nach dem Motto: Wenn die Menschen als Lohnempfänger etwas verlangen, appelliert man an sie als Konsumenten.
Aber gerade die niedrigen Preise sorgen zugleich dafür, dass auch die Nominallöhne der arbeitenden Menschen sinken. Mit dem ökonomisch erzwungenen Gang zum Superdiscounter stärken die konsumierenden Arbeitnehmer unwillentlich die Legitimation des Systems, das sie beutelt. Eine teuflische Endlosschleife hält den pausenlosen Druck auf die Massenkaufkraft aufrecht, der seinerseits die Flaute des privaten Konsum und der globalen Nachfrage nach sich zieht. (Lordon 2008:7)
Eine weitere Komponente dieser Entwicklung ist, dass eben jene Menschen, welche aus der Arbeitswelt als Arbeitslose oder als SozialhilfeempfängerInnen ausscheiden, als Druckmittel gegen jene eingesetzte werden können, welche Arbeit haben. Desto grösser die Zahl Menschen, die genötigt sind, zu schlechten Konditionen zu arbeiten, desto eher werden aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz Zugeständnisse eingegangen. Dies führt in die stetige Prekarisierung der Arbeitswelt. Das beständige gegenseitige Ausspielen von jenen, die etwas haben, gegen jene die weniger haben, findet auf diversen Ebenen statt. Zum Beispiel Arbeitslose gegen Temporärangestellte, Temporärangestellte gegen jene in einem Normalarbeitsverhältnis, aber auch MigrantInnen gegen Einheimische, Frauen gegen Männer und so weiter. Eine weitere Ebene stellt die Kinderarbeit dar. Marx beschrieb diese Entwicklung der Industriellen Reservearmee als „kapitalistische Grundlage“ schon in Das Kapital (Marx 1867:354). Finsterbusch beschreibt Knappheit in seinem Aufsatz Knappheit und ihre sozialen Folgen als logische Konsequenz der Ungleichheit. „Der Arbeitsmarkt [schrumpft] als Folge der Knappheit, insbesondere für Ungelernte und bei den Niedriglohnjobs, und unter ungelernten Arbeitern nimmt die Konkurrenz um die verbleibenden, häufig unterbezahlten Arbeitsplätze stark zu.“ (Finsterbusch 2003:131) Diettrich beschreibt diese Entwicklung als grundsätzliche Gefahr für die soziale Einheit einer Gesellschaft und warnt vor der Verschärfung von Klassenkonflikten.
Der im Fordismus aufgebaute Sozialstaat wird gegenwärtig immer weiter demontiert. Diese Entwicklung und die damit parallel einhergehende Auflösung der Normalarbeitsverhältnisse werden mittelfristig auch die sozialen Formationen an der gesellschaftlichen Oberfläche verändern. (Diettrich 1999:24)
Der Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhaltes und die damit verbundene Klassenfragmentierung ist schliesslich aber auch eine Gefahr für das Wirtschaften selbst. Aus ständiger Angst, mit Widerspruch konfrontiert zu werden, steht die Wirtschaftselite immer vor der Aufgabe das Mass zu wahren zwischen Ausbeutung und Profit und versucht deshalb Verschlechterungen nur schleichend umzusetzen. Als einen weiteren Ansatz zur Unterbindung von Konflikten mit einem „Klassenbewusstsein“, versuchen die neoliberalen Marktstrategen persönlichen Misserfolg als eine Folge von individuellem Scheitern darzustellen. Es wird möglichst alles getan, um die Bildung eines gemeinsamen Klassenbewusstseins als ausgebeutete ArbeiterInnenklasse zu untergraben. Chomsky meint Ironisch: „Mit anderen Worten, es ist nicht leicht, Menschen davon zu überzeugen, dass die Reichen die Armen ausplündern sollten; ein PR-Problem, das bis jetzt noch nicht gelöst ist.“ (Chomsky 2004:61)
Als letzet Konsequenz bedeutet dies, dass der Sozialstaat als solcher, ein Hemmnis für das „freie“ Wirtschaften darstellt, eine zu starke Umverteilung von oben nach unten gar unerwünscht ist, da es die kapitalistischen Interessen unterwandert. Um die Gesellschaft dennoch zusammenzuhalten wird dem Staat die Rolle des repressiven Ordners zugeteilt, der die Bevölkerung ruhig halten und möglichst günstige Rahmenbedingungen zum Wirtschaften verteidigen soll. Neoliberalismus und eine aktiv gelebte Demokratie sind demnach nur schwerlich vereinbar. (Harvey 2007:83-90)
3. Die Marx‘sche Mehrwertanalyse
Marx analysiert in Das Kapital die kapitalistischen Abläufe aus einem kritischen Blickwinkel. Er erklärte das Zusammenspiel von Kapital und Verelendung der ArbeiterInnen und beschreibt das kapitalistische System als Krisenhaft. Da Akkumulation von Kapital und Profit erst durch Generierung von Mehrwert ermöglicht werde, ist die Mehrwerttheorie ein Kernstück seiner Arbeit, in welchem er erklärt wie die Ausbeutung der ArbeiterInnen zustande komme.
3.1 Die Mehrwerttheorie
Um die Akkumulation von Mehrwert zu ermöglichen mussten zuerst im Wesentlichen drei Faktoren umgesetzt werden:
Erste Bedingung ist die Legitimation von Privateigentum und dessen gesellschaftliche Garantierung. Zweitens mussten die ArbeiterInnen formell befreit werden, denn in einem kapitalistischen Kontext sind sie doppelt frei, freie Eigentümer ihrer Arbeitskraft, was die Auflösung der Feudalherrschaft bedingt, aber auch frei von jeglichem sachlichen Eigentum, was sie zur Lohnarbeit zwingt (Heinrich 2004:88). Und drittens musste Geld als reine Äquivalentform überwunden werden (vgl. Willenbrock 2008). Denn Waren werden mit anderen Waren getauscht und erhalten dadurch einen Gegenwert, dieser ist es, welcher der Ware Wert beimisst, da Ware durch sich selbst keinen Tauschwert haben kann. „Der Wert der Leinwand kann also nur relativ ausgedrückt werden, das heisst in anderer Ware“ (Marx 1867:29). Diese andere Ware bezeichnet Marx als Äquivalent, welche den Relativwert einer anderen Ware ausdrückt (Marx 1867:30). Um aber als Kapital akkumuliert zu werden, muss diese direkte Kopplung gelöst werden und Geld durch sich selbst Wert erhalten. Dies führt zu einer gesellschaftlichen Verschiebung des Verständnisses von Geld, weg von der Nutzung als Äquivalent hin zu einer durch sich selbst Wert darstellenden Summe, welche akkumuliert werden kann.
Mehrwert entsteht in der Produktion von Ware. In der kapitalistischen Produktion wird die Ware zu einem Selbstzweck der Akkumulation von Kapital und dient somit als reiner potentieller Träger von Gewinn. Marx schreibt dazu, „Das konstante Kapital, die Produktionsmittel, sind, vom Standpunkt des Verwertungsprozesses betrachtet, nur da, um Arbeit und mit jedem Tropfen Arbeit ein proportionelles Quantum Mehrarbeit einzusaugen.“(Marx 1867:191) Doch wie genau entsteht Mehrwert?
Der Wert einer Ware setzt sich aus zwei Formen von Kapital zusammen, einerseits dem Konstanten Kapital (c), welches sich aus den Produktionsmitteln, wie etwa Maschinen, Liegenschaften oder Rohmaterial, zusammensetzt. Zweite Kapitalgrösse ist das Variable Kapital (v), welches sich in erster Linie aus den Löhnen der ArbeiterInnen zusammensetzt (Marx 1867:170). Bestünde nun aber der Wert einer Ware lediglich durch c und v, würde noch keine Akkumulation stattfinden, denn so würden „nur“ die Auslagen für die Produktion gedeckt. Da aber das Ziel des Investierenden darin liegt Kapital zu akkumulieren, muss eine weitere Grösse die Formel vervollständigen: der Mehrwert (m). Da nur die Ware Arbeit alleine im Stande ist einer anderen Ware Wert zuzuführen (Mandel 1978:99), wird Arbeit auf dem Arbeitsmarkt gekauft. Der Lohn dafür entspricht aber nicht dem Wert der Arbeit selbst, sondern erkauft wird sich das Recht die Arbeitskraft einen Tag zu gebrauchen (Marx 1867:187). Der Lohn für die Arbeit entspricht dem Wertegesetz folgend den täglichen Reproduktionskosten (vgl. Marx 1867: Kapitel I), welche anfallen um die Ware Arbeitskraft zu erhalten. Die Differenz zwischen dem im Arbeitsprozess erarbeiteten Werts und dem Wert der Arbeitskraft ist somit der Mehrwert (Heinrich 2004:99). Mehrwert entsteht also dadurch, dass nicht die gesamte Arbeit, welche in eine Ware einfliesst, entlöhnt wird also ein Teil unentgeltlich geleistet werden muss (Marx 1865:43-45). Auf das Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft, welche Lohn als Preis für die geleistete Arbeit versteht, antwortet Marx, „wenn so ein Ding, wie Wert der Arbeit, wirklich existierte und er [der Kapitalist, d. Verf.] diesen Wert wirklich zahlte, kein Kapital existierte, sein Geld sich nicht in Kapital verwandeln würde“ (Marx 1867:299).
Mandel bezeichnet den Mehrwert als „die Geldform des gesellschaftlichen Mehrproduktes“ (Mandel 1978:105). Dieses Mehrprodukt wird vom Kapitalisten angeeignet und zur weiteren Bildung von Mehrwert reinvestiert. Diesen Kreislauf aus Mehrwert und Kapital, bezeichnet Marx Akkumulation des Kapitals (Marx 1867:318). Die Mehrwertrate gibt den Grad der Ausbeutung der ArbeiterInnen an und wird definiert durch m/v, die für den Kapitalisten interessantere Profitrate errechnet sich durch m/(v+c).
Der Mehrwert lässt sich auf zwei Arten steigern, zum einen kann die reale Arbeitszeit ausgedehnt werden, zum anderen durch die Steigerung der Mehrwertrate innerhalb der gegeben Arbeitszeit, etwa durch Senkung der Löhne oder Verbesserung der Maschinenleistungen (Marx 1867:207). In beiden Fällen wird die Ausbeutung der ArbeiterInnen versschärft. Ausbeutung im Marx‘schen Verständnis ist keine Angabe über die Arbeitsbedingungen. Ausbeutung definiert sich durch das Verhältnis m/v. Also findet Ausbeutung überall dort statt, wo in einem kapitalistischen Prozess gearbeitet wird, die Arbeitsbedingungen spielen dabei keine Rolle (Heinrich 2004:119). Die Möglichkeit zur Steigerung des Mehrwertes durch relative Faktoren führt zum Bestreben der KapitalistInnen möglichst in alle Sparten des Lebens vorzudringen, damit aus jeder menschlichen Handlung und Bedürfnisdeckung in doppeltem Sinne Kapital gewonnen werden kann. In doppeltem Sinne, weil einerseits die Kapitalisierung einer Branche neuen Akkumulationsraum bietet und andererseits so die Reproduktionskosten der ArbeiterInnen gesenkt werden und dadurch die Löhne nach unten angepasst werden können.
Das Streben nach Mehrwert führt zu einer pulsierenden Bewegung des Kapitals. Investiert wird jeweils in gerade boomende Branchen. Dies führt zu einer Konzentration von Kapital in einem Sektor und zum Abfluss in einem anderen. Auf beiden Seiten verursacht diese Entwicklung Krise. Auf der einen Seite durch die verstärkte Konkurrenz, was zu Preisdruck und somit zu einer Schmälerung der Profitrate führt. Die andere Seite gerät in Schwierigkeiten aus Mangel an Kapital (Mandel 1978:187).
Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise bringt also notwendig eine Zentralsierung und Konzentration des Kapitals mit sich. Die Durchschnittsgrösse der Unternehmen wächst unaufhörlich; eine grosse Zahl kleiner Unternehmen wird durch eine geringe Zahl Grossunternehmen, die einen wachsenden Anteil des Kapitals, der Arbeit, der Gelder und der Produktion in allen Industriezweigen kontrollieren, im Konkurrenzkampf geschlagen. […] So setzt die kapitalistische Produktion den Prozess der Enteignung fort, der am Anfang der kapitalistischen Produktionsweise steht. Aber nicht unabhängige Erzeuger sind die Oper, sonder die Kapitalisten selbst. Die Geschichte des Kapitals ist die Geschichte der Zerstörung des Eigentums von vielen zugunsten einer immer kleiner werdenden Minderheit. (Mandel 1978:192f)
Doch genau dieser Konkurrenzkampf ist auch die grosse Gefahr des Systems, denn das unaufhörliche Streben nach Gewinnmaximierung benötigt Unmengen an Investitionen vor allem im Bereich des konstanten Kapitals und die verschärfte Konkurrenz schmälert die Profitrate zusätzlich und so sich selbst immer aufs Neue reproduzierend das gesamte System in die Krise führe. Dies führt zum Phänomen, welches Marx als den tendenziellen Fall der Profitrate bezeichnet (Marx 1867:615). Doch gerade dieser Teil seiner Theorie ist bis heute heftig umstritten geblieben und wird eher negiert als befürwortet (Heinrich 2004:149-153).
3.2 Historischer Kontext der Analyse
Die Ideen von Karl Marx haben die neuere Weltgeschichte massgeblich mitgeprägt. Hierbei ist es interessant nach dem historischen Kontext der Marx‘schen Analyse zu fragen, auch wenn dies hier nur oberflächlich angeschnitten werden kann. Die Arbeiten von Marx fielen in eine revolutionäre Epoche, ganz Europa wurde in regelmässigen Abständen von Revolutionen erschüttert. Marx sah darin einen vorgegeben Prozess, denn „die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ (Marx/Engels 1848:19). Die Französischen Revolution von 1789 war für ihn „die Entfesselung und Herstellung der modernen bürgerlichen Gesellschaft“(Marx 1852:116), welche das Emporkommen des Kapitalismus erst ermöglichte. Als demnach nächsten logischen Schritt in der Geschichte betrachtete Marx die proletarische Revolution, welche nunmehr alle Klassengegensätze auflösen sollte und die Gesellschaft in den Kommunismus überleiten werde. Die Geschehnisse in Paris 1871 bekräftigten ihn in seiner Analyse.
Die Kommune wollte jenes Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum der wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner. Sie wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem die Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in blosse Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt. (Marx 1871:342)
Um seine gesellschaftlichen Interpretationen zu verifizieren, welche er in unzähligen Schriften darlegte, allen voran im Kommunistischen Manifest (1848), arbeitete Marx intensiv an der ökonomischen Gesellschaftsanalyse. Aus dieser Auseinandersetzung gingen die drei Bücher des Das Kapital hervor. Gemäss Mandel waren es vier Strömungen, welche seine Arbeit auf theoretischer Ebene massgeblich beeinflussten.
Marxism emerged at once as a revolutionary and a progressive unification of:
• the social sciences,
• the political emancipation movement, mainly the revolutionary organisations born of the far left of the French revolution,
• the elementary and spontaneous workers’ movement, created by the workers themselves outside any philosophical or sociological theoretical school,
• pre-Marxist socialism, that is the drafting of projects for a better society and other “solutions to the social question” at a mainly theoretical and ideological level: philosophical, sociological, economic theories combined with educational and philanthropic activities (foundation of the first “communist” colonies). (Mandel 1989:4f)
Heute noch wird Marx kontrovers diskutiert. Für die VertreterInnen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung liegt er schlicht falsch und die Tatsache, dass in den letzten Jahrzehnten ein enormer Wohlstand generiert wurde, reicht als Widerlegung seiner Analyse.
Die von ihm postulierten Entwicklungsgesetze entbehren aber nicht nur einer befriedigenden Begründung – sie sind auch, was wichtiger ist, eindeutig empirisch wiederlegt worden. Trotz Zunahme der Kapitalintensität ist die Gewinnrate nicht gesunken, sondern (mehr oder weniger) gleich geblieben und es kam zu keiner Verelendung, sondern zu einem noch nie dagewesenen Massenwohlstand. (Söllner 2001:271)
Dabei wird aber gänzlich ausgeklammert, dass sich im selben Zeitraum die globale soziale Schere geöffnet hat und ein grosser Teil der Menschheit nicht an diesem Aufschwung teilhaben konnte, oder der „globale“ Aufschwung gar eher negative Folgen hatte (IAO 2004:44-50). Seit dem 2. Weltkrieg und noch verstärkter nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der Öffnung Chinas wurde eine Vielzahl von Menschen in die internationale Wirtschaft einbezogen, ohne nur im Geringsten davon zu profitieren. Die neu einbezogenen Regionen vermochten wohl das Sinken der Profite immer wieder aufzufangen. Da sich aber im gleichen Entwicklungsprozess der Öffnung die regionale Verteilung der Finanzkraft keineswegs gleichmässiger gestaltet hat und sich die neu eingebundenen Regionen nicht mit der ihnen zugewiesenen Rolle als Wohlstandproduzenten abfinden werden, dürfte auf Dauer die ungleiche Verteilung zum Stolperstein des Systems werden.
So wird auch heute noch in kritischeren Kreisen die marxistische Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie zumindest als Ansatzpunkt anerkannt. Gestritten wird vielmehr darüber, ob Marx in Das Kapital die ökonomische Geschichte der Menschheit aufrollte, oder ob der Istzustand des kapitalistischen Systems analysiert wurde (Heinrich 2004:28f).
4. Die geographische Dimension der Diskussion
Das globale Wirtschaften, das beständige Streben nach Profit so wie die abstrakte Ebene der Finanzwelt, haben vielfältige Einflüsse auf die menschliche Lebenswelt. Sie wirken stark auf die sozialen Verhältnisse, sie manifestieren sich aber auch deutlich in der materiellen Lebenswelt und wirken demnach auch auf die Geographie.
Die dem kapitalistischen Prozess innewohnenden Zyklen der Finanzströme lassen Geld nicht nur als Kapital in Konzerne fliessen, sondern auch in deren materiellen Standorte. Was bedeutet, dass sich Kapital auch materiell sichtbar auf der Erdoberfläche manifestiert. Die Clustereffekte von Wirtschaftskonglomeraten bilden nicht nur grosse Ansammlungen von Fabriken, sondern auch „Hot-Spots“ des Kapitals, welche wie ein Magnet auf andere ProduzentInnen wirken können. Kapitalzirkulation und Standortwahl stehen dadurch in einer direkten Interaktion. Speziell an diesem Mechanismus ist, dass die Zirkulation von grossen Mengen an Kapital in einer Region, nicht zwingend zum Wohlstand dieser Regionen führen muss. Viele eher ärmere Regionen der Welt sind zu den Produktionszentren der westlichen Industrien degradiert worden und produzieren den Wohlstand des Westens. Kapital fliesst zwar in grossen Mengen in die Produktionsstandorte, die Akkumulation geschieht aber anderenorts. Hierbei wird deutlich, welche Mobilität Kapital aufweist. Die Folge, Wohlstand bleibt weiterhin höchst ungleichmässig verteilt und die Heerscharen von billigen Arbeitskräften profitieren nichts von ihrem generierten Gewinn.
Die Sektoralen wirtschaftlichen Zuordnung entsprechen auch in etwa der räumlichen Verteilung des Kapitalreichtums. Finanzstarke Regionen, demnach reiche Regionen, sind auch die globalen Dienstleistungs- und Kapitalinstitutszentren, landwirtschaftlich und industriell geprägte Regionen dagegen eher ärmlich. Daraus abgeleitet entsteht ein Peripherie-Zentrum Modell, welches je nach Grössendimension der Betrachtungsebene ein anderes Bild zeigt. Im globalen Massstab ist der westliche Wirtschaftsraum Zentrum und der Rest Peripherie. Auf kleineren Ebenen zeichnet sich ein differenzierteres Bild. So gelten viele der Metropolen der aufsteigenden Industrienationen auch eher als Zentrum, da ihre Funktion als Knotenpunkte der Finanzströme unabdingbar ist. Umgekehrt sind zum Beispiel Teile Spaniens, Portugals, Ostdeutschlands oder vom Tourismus abgeschnittene, inneralpine Regionen auch peripher. Auch in den Städten selbst gibt es Peripherie- Zentrummuster. Der Westen selbst kann also nicht als homogenes Zentrum verstanden werden und hat intern einen ausgeprägten Zentrum-Peripheriecharakter. Harvey bezeichnet die boomenden Grossstädte New York, London, Paris, Frankfurt, Hongkong, Tokio und Shanghai als „spektakuläre Wohlstandsinseln“, in welchen sich der Immobilenmarkt „zu einem Hauptmotor der Kapitalakkumulation“ entwickelt hat (Harvey 2007:196). Mit welch hohen Risiken in dieser Branche spekuliert wurde, zeigt die gegenwärtige Finanzkrise nur allzu deutlich.
Ein geographischer Ansatz, welcher diese Analyse berücksichtigt, ist die Dependenztheorie, insbesondere die Theorie des strukturellen Imperialismus von Johan Galtung (1972) (Haas/Neumair 2007:71-73). Weniger leistungsfähige Regionen werden nach Butterwegge zwangsläufig durch die neoliberalen Mechanismen, wie zum Beispiel Prekarisierung und Polarisierung zwischen Arm und Reich, zusehend in periphere Abhängigkeiten gedrängt (Butterwegge 2007:209). Zusätzlich zu der ohnehin vorhandenen vertikalen Segregation, welche zur Klassenfragmentierung führt, verschärft sich durch das profitorientierte Wirtschaften auch die horizontale Dimension der Segregation, „also hinsichtlich regionaler Disparitäten“(Butterwegge 2007:212). In Städten zum Beispiel sind informelle Grenzen letztlich oftmals die Folge von ökonomischen Verhältnissen und führen somit zu einer räumlichen Zuordnung durch die Wohlstandsverhältnisse.
Eine weitere Dimension der räumlichen Auswirkungen sind die Migrationsströme. Weltweit zieht es Menschen zu Hundertausenden in die Städte, was gerade in der dritten Welt zu gewaltigen Binnenmigrationsströmen führt. Dies bringt grosse demographische und soziale Umwälzungen mit sich. Noch in diesem Jahr wird eine historische Marke erreicht werden. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte werden mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben, davon eine Milliarde in Slums (GEO 2008:128). Die Menschen strömen in die Städte auf der Suche nach Arbeit, sozialer Sicherheit und Ausbildungsmöglichkeiten. Die Realität sieht aber meist anders aus. Sie bilden ein riesiges Potential an ArbeiterInnen, welche zu unwürdigen Konditionen zu arbeiten bereit sind und somit durch ihr prekarisiertes Dasein alleine in die globale Industrielle Reservearmee eingebunden werden. Die hohe Mobilität des Kapitals im Verhältnis zu den Migrationsströmen ist hierbei Schlüssel zum Verständnis des Druckmittels, welches gegen die Arbeitsnehmenden und die Löhne eingesetzt wird. Harvey erklärt den Mechanismus wie folgt:
Die neoliberale Strategie will die Schutzvorrichtungen […] abschaffen. Der Generalangriff auf die Arbeiterschaft setzt an zwei Punkten an: Erstens wird die Macht von Gewerkschaften und anderen Institutionen der Arbeiterklasse innerhalb des jeweiligen Staats (notfalls mit Gewalt) beschnitten oder aufgerieben. […] Die zweite neoliberale Attacke setzt bei den Veränderungen der räumlichen und zeitlichen Parameter des Arbeitsmarktes an. […] Entscheiden ist [..] die geographische Mobilität des Kapitals, denn sie garantiert die strukturelle Dominanz gegenüber einem globalen Arbeiterpotentials, dessen eigene geographische Mobilität begrenzt ist. Weil die Einwanderung behindert wird, sind die ortsgebundenen Arbeitskräfte überall in Massen vorhanden. Wenn nötig können die Immigrationshindernisse aber auch umgangen werden: zum einen durch illegale Einwanderung, die ein leicht auszubeutendes Arbeiterreservoir schafft, zum anderen durch kurzfristige Arbeitsverträge, die es zum Beispiel ermöglichen, dass Arbeiter […] eingestellt werden, die im Krankheitsfall einfach über die Grenze zurückgeschickt werden. (Harvey 2007:208f)
Nun wäre also auch die internationale Migration ins Spiel gebracht, welche wie die Binnenmigration ein Massgeblicher Faktor für die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen darstellt. Zum einen für die MigrantInnen selbst, welche oftmals zu äusserst schlechten Bedingungen arbeiten müssen, und zum anderen durch ihre Funktion als Druckmittel auf die Löhne. Ihre Notlage wird zur Notlage aller ArbeiterInnen. Ausgebeutet werden sie auch von politischen Institutionen, welche mit plumper Fremdenfeindlichkeit in Zeiten der Unsicherheit Wählerstimmen erhaschen.
5. Fazit
Zu Beginn der Arbeit stand die Frage, ob die Marx‘sche Mehrwerttheorie noch als Ansatz zur Analyse der aktuell sich verschärfenden Ungleichheiten dienen kann, als Beispiel wurde die Werkschliessung in Bochum beigezogen. Die Frage lässt sich jedoch nicht ohne eine Positionierung beantworten, da, wie schon erwähnt, der Diskurs über die Richtigkeit der Marx‘schen Analyse immer noch höchst ideologisch geführt wird.
Aus dem gängigen Blickwinkel der Wirtschaftswelt entsteht Mehrwert durch das Zusammenspiel der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital. Jedes beteiligte Individuum erhalte entsprechend der Aufwendungen seinen gerechten Anteil am Kuchen, ArbeiterInnen den Lohn, KapitalistInnen den Profit, BodenbesitzerInnen die Grundrente (Heinrich 2004:13f). Lohn wird als gerechte Entschädigung der Arbeit empfunden und das Vorhandensein von Mehrarbeit verneint. Die Aneignung des Profits durch die InvestorInnen wird als rechtmässig empfunden – schliesslich trage man ja auch das finanzielle Risiko.
Doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass Profit in erster Linie im Arbeitsprozess generiert wird. Dies ist auch den Konzernspitzen wohl bewusst, weshalb auch die grossen Verlagerungen nach Osteuropa und Asien im Gange sind. Verlagerungen machen nur dann Sinn wenn es sich wirklich lohnt, ansonsten sind das Risiko und die Investitionen zu hoch. Dies ist auch der Nokiaspitze bewusst, ansonsten hätten sie kaum einen rentablen Standort in Deutschland aufgegeben und grosse Verlagerungsinvestitionen auf sich genommen, wenn die Aussicht auf mehr Rendite nicht gesichert wäre. Es geht darum den Mehrwert in der Produktion zu steigern. Leidtragende sind die Arbeitnehmenden, jene, welche zu miserablen Konditionen arbeiten müssen, aber auch jene, welche im Westen auf Grund von Umstrukturierungen ihre Arbeit verlieren. In Rumänien werden durch Nokia zwar Arbeitsplätze geschaffen, aber zu welchen Konditionen verdeutlicht der Antrag von Nokia zur Verlängerung der Arbeitszeit. In Deutschland hingegen verlieren an die 4‘500 Menschen ihre Arbeit. Obwohl sie vorläufig von der Politik Unterstützung zugesichert bekommen, wird es schwierig werden. In der Region Bochum sind ohnehin über 10% der Menschen arbeitslos, unzählige vom Sozialamt abhängig und dort gezwungen Eineuro-Jobs anzunehmen, wollen sie nicht Kürzungen des Sozialgeldes hinnehmen. Viele sind gezwungen Temporäranstellungen anzunehmen, jene welche eine Festanstellung erhalten, wissen ihre Arbeitsbedingungen in ständiger Konkurrenz mit günstigeren Standorten. Die Prekarisierung der Arbeitsbedingungen ist in vollem Gange.
Voraussetzung für die Akkumulation von Kapital ist, dass durch Arbeit mehr Wert generiert wird als durch Lohn entschädigt. Der Lohn für die Arbeit entspricht also nie dem Wert, der einem Produkt durch Arbeit zugeführt wird. Soweit dürften sich die liberalen Theoretiker und Marx wohl noch einig sein. Doch nun scheiden sich die Geister. Marx spricht hier, entgegen der gängigen Auffassung, von Lohn als gerechten Gegenwert für die Leistungen der ArbeiterInnen, von Ausbeutung. Mehrwert sei immer das Produkt menschlicher Arbeit und die Aneignung des Profites durch die KapitalistInnen unrechtmässig. Würden nämlich die ArbeiterInnen den gesamten Gegenwert ihrer Arbeit erhalten, währe der Mehrwert und als Folge davon der Profit abgeschafft.
Welche Sichtweise nun eingenommen wird, ist eine ideologische Frage. In der direkten Konsequenz ist es jedoch irrelevant, welche Auffassung vertreten wird. Denn es handelt sich bei beiden Versionen lediglich um Denkmuster. Für die Lebensrealität, der Millionen Menschen welche in schlechten ökomischen Bedingungen leben, ihre Arbeitskraft zu schlechten Bedingungen zu verkaufen gezwungen sind, unter katastrophalen Arbeitsbedingungen leiden und kaum genug Lohn erhalten um sich über Wasser zu halten, ändert es nichts. Relevant ist die Ansicht „nur“ für die „Gerechtigkeitsdiskussion“.
Zugegeben, im Westen ist die Lage etwas weniger dramatisch, doch auch hier existiert ein eklatantes Gefälle zwischen Arm und Reich. Die soziale Segregation setzt sich unvermindert fort und die Gesellschaften zerfallen unter dem ständig wachsenden Leistungs- und Konkurrenzdruck in miteinander konkurrierende Individuen – eine neue Form des darwinschen Konzeptes „Survival of the fittest“. Die Weissagungen, dass die Probleme, welche das System produziere, lediglich die Folge von zu wenig Liberalisierung seien, welche mit mehr freiem Markt gelöst würden, dürfen zumindest angezweifelt werden. Die Auffassung, dass das kapitalistische System nicht in der Krise steckt, sondern es die Krise selbst produziert, wird erneut diskutabel. Butterwegge schliesst das Kapitel Die soziale Sicherheit wird zum „Standortrisiko“ erklärt mit den Worten:
Lohn- und Leistungskürzungen im Sozialbereich sind keine zwangsläufige Konsequenz der sich real verschärfenden Weltmarktkonkurrenz, vielmehr integraler Bestandteil einer Strategie, welche die bestehenden Macht-, Einkommens- und Vermögensverhältnisse zugunsten der ohnehin Privilegierten verschiebt.(Butterwegge 2007:146)
Um die Frage nun noch zu beantworten: Ja, ich denke, die ökonomische Analyse von Marx ist aktueller denn je. Die Mehrwerttheorie ist zweifelsohne ein zentrales Element der Aufdeckung der real existierenden Ausbeutungsverhältnisse. Am Beispiel Bochum wird klar, welche Wichtigkeit die Lohnkosten auf den Profit haben. Werden diese also gekürzt (relativer Mehrwert), gleichzeitig die Arbeitszeit verlängert (absoluter Mehrwert), lässt sich der Profit deutlich steigern, zumal die Geräte weiterhin zu den gewohnten Preisen abgesetzt werden können. Der Fall Nokia ist Sinnbild für die aktuelle Wirtschaftsentwicklung und die Marx’sche Analyse des Mehrwertes lässt sich auf den Fall anwenden und entwirrt so das scheinbar irrationale Vorgehen als kapitalistisch rational. Auch wenn es den neoliberalen FundamentalistInnen nicht genehm sein mag, ihr Verhalten als Ausbeutung verstanden zu wissen und sie sich lieber als noble Financiers sehen, bin ich persönlich dennoch der Ansicht, dass es kein legitimes Recht gibt, sich das Produkt der Arbeit anderer anzueignen und würde dies als Diebstahl bezeichnen.
Literaturverzeichnis
Behruzi, Daniel (2008): Druckpotential ungenutzt, junge Welt 14.02.2008, http://www.jungewelt.de/2008/02-14/027.php, printed: 06.03.2008.
Bomsdorf, Clemens/ Müller, Volker (2008): Nokia opfert Bochum für mehr Effizienz, Financial Times Deutschland 16.01.2008, http://www.ftd.de/technik/it_telekommunikation/
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Proseminararbeit WS08
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