Der Peloponnesische Krieg 431 bis 404 v.Chr.

Im Jahr 431 bricht der lange schwellende Konflikt zwischen Sparta und Athen und deren jeweiligen Bundesgenossen ein weiteres mal auf. Es kommt zum offenen Krieg zwischen den Parteien. Gegen deren Erwartung sollte es eine lange andauernde Auseinandersetzung werden, welche erst endgültig im Jahr 404 endete. Der Krieg wird in zwei Hauptereignisse unterteilt, den Archidamischen Krieg (431-421) und den Dekeleischen Krieg (413-404). Dazwischen liegt der Nikias- Frieden, welcher aber nie wirklich umgesetzt wurde und so schwoll der Konflikt weiter, teils brach er gar offen aus. Jedoch ist diese Zusammenfassung der Ereignisse zwischen 431 und 404 zu einer Periode schlüssiger Ereignisse auch eine „Ermessensfrage“. Im klassischen Griechenland, waren Konflikte an der Tagesordnung und jener zwischen Sparta und Athen war 404 auch nicht beendet. Die Zusammenfassung der Konflikte unter dem Oberbegriff Peloponnesischer Krieg ist nicht unbegründet, ist aber erst auf die griechische Geschichtsdeutung des 4. Jahrhunderts zurückzuführen und dürfte stark von der thukydi‘schen Erzählung und Bewertung geprägt sein.

Quellenlage

Das umfassende Wissen über den Peloponnesischen Krieg verdanken wir in erster Linie dem ausführlichen Werk des Atheners Thukydides, welches aber im Jahr 411 vor dem Ende der Ereignisse abrupt abbricht. Die Nachprüfung der Quelle gestaltet sich als äusserst schwierig. Thukydides zitiert nur selten andere Autoren, die Möglichkeit einer Gegenüberstellung von Darlegungen ist daher nicht gegeben. Andere Quellen, die eine Überprüfung erlauben würden fehlen ebenfalls oder sind nur in Fragmenten erhalten. Dort wo eine Überprüfung möglich ist, etwa bei den erwähnten Akteuren, können wir feststellen, dass Thukydides auf Genauigkeit wertgelegt haben muss. Dennoch kann eine etwas Athen zentrierte Betrachtungsweise aufgrund der Quellenlage nicht vermieden werden. Nach 411 sind die Schriften von Xenophon und Diodor massgebende
Quellen.

Die kriegerischen Ereignisse und wie es dazu kam

Die Griechische Welt war in klassischer Zeit in zwei sich mit Misstrauen gegenüberstehende Macht-blöcke unterteilt. Einerseits die militärisch auf Land überlegenen Spartaner, welche ihr Machtgebiet auf die peloponnesische Halbinsel ausgedehnt hatten. Andererseits die zur See überlegenen Athener, wel-che im Verlauf der Perserkriege ihr Machtbereich über die gesamte Ägäis ausbreiten konnten und den mächtigen Seebund unter sich vereinten. Der Ausbruch des Kriegs kann nicht an einer Ursache aufge-macht werden, zu komplex war das Geflecht der beiden Grossmächte in der griechischen Staatenwelt. So spielte eine wichtige Rolle, dass beide Parteien, um ihre Macht zu sichern, auf den Erhalt ihres Bündnissystems angewiesen waren. So war es nicht erstaunlich, dass sich Sparta schliesslich dem Druck seines Bündnispartners Korinth beugte und in dessen Konflikt mit Athen eingriff. Athen seinerseits fürchtete sich um seine hegemoniale Stellung auf See, welche ihr die Kontrolle über den Seebund garantierte und wandte sich deshalb offensiv gegen die korinther Expansionsbemühungen. Ein weiterer Faktor war, dass sich Sparta zusehend vom imperialen Gebären Athens bedroht fühlte und dieses nicht weiter hinnehmen wollte. Der Historiker Ste. Croix sieht in der spartanischen Angst vor der Demokratie eine Hauptursache für den Ausbruch des Krieges, da die oligarchische Staatsspitze Spartas die Demokratie als grosse Gefahr empfunden habe. Die Situation eskalierte vollends als Sparta die „Autonomie für alle Griechen“ und somit die faktische Auflösung des Attischen Seebundes forderte. Dies jedoch war für Athen politisch wie strategisch keine Perspektive, da nicht zuletzt seine wirtschaftliche Basis vom Bestehen des Bundes abhing. Die Stimmung war in beiden Lagern derart kriegslustig, dass an eine friedliche Lösung nicht mehr zu denken war und der Krieg somit unver-meidlich wurde.
So fielen ab 431 die peloponnesischen Truppen unter der Führung des Spartaners Archidamos erstmals in Attika ein und verwüsteten die Landstriche, dies sollte sich nun Jahr für Jahr wiederholen. Die Athener hielten sich erst noch im Wissen um ihre Unterlegenheit auf Land strikte an die Kriegsstrategie des langjährigen und einflussreichen Politikers Perikles. Offene Feldschlachten wurden umgangen und die Bewohner Attikas verschanzten sich hinter den grossen Mauern, die Athen mit dem Hafen von Piräus verbanden. Die Athener ihrerseits suchten die Entscheidung auf See, wo sie sich ihrer strategischen und technischen Überlegenheit sicher sein konnten. Erschwerend kam für Athen hinzu, dass 430 die Pest ausbrach und bis 429 beinahe einem Viertel der Bevölkerung das Leben kos-tete.
Keine der beiden Parteien vermochte es dem Gegner entscheidende Niederlagen zuzuführen, vielmehr gestaltete sich der Krieg als offener Schlagabtausch, in welchem einmal die Athener, einmal die Spartaner Oberhand behielten. Erst nach Angriffen auf strategisch wichtige Gebiete Athens durch die Spartaner 424 entschieden sich die Athener 423 um einen Waffenstillstand zu ersuchen. Mit ein Grund für die Aufnahme von Friedensverhandlungen war auch, dass der gemässigte Stratege Athens Nikias, bedingt durch den in der Schlacht gefallenen Kontrahenten Kleon, das Ruder übernehmen konnte. Ebenfalls eher innenpolitische Gründe bewogen die Spartaner zur Annahme des athenischen Begehrens. Obwohl die Kriegshandlungen beidseitig für ein Jahr ausgesetzt werden sollten, gingen die militärischen Konflikte weiter. Erst mit dem Abschluss der Verhandlungen, welche durch Nikias geführt wurden und einige Monate dauerten, kehrte 421 Frieden ein. Der sogenannte Nikias-Frieden, sofern überhaupt von Frieden gesprochen werden kann, war nur von kurzer Dauer. Bereits 413 brach der Krieg wieder offiziell aus. In der Zwischenzeit, führten beide Parteien Stellvertreterkriege oder gerieten direkt aneinander. Der eigentlich sehr umfassende Friedensvertrag, welcher 50 Jahre Frieden und Stabilität hätte bringen sollen, wurde von allem Anfang an in wichtigen Punkten nicht umgesetzt.
414 erklärte Sparte Athen erneut den Krieg. Der Zeitpunkt war für Athen denkbar ungünstig. Nach weiteren Innenpolitischen Auseinandersetzungen über den expansionsstrategischen Kurs, diesmal zwischen Nikias und Alkibiades, kam es zum Eklat und das Scherbengericht sollte entscheiden. Dies endete aber darin, dass ein unbeteiligter Dritter ins Exil verbannt wurde. Die Beiden Konfliktparteien hatten sich geeinigt und 413 wurde, nach einem Hilferuf eines Verbündeten, das grösste je entsandte Heer ausgeschickt, um ganz Sizilien zu unterwerfen. Dieses Vorhaben endete jedoch in einer Katastrophe. Das Gros der Flotte wurde vernichtend geschlagen und insgesamt 45‘000 Athener und Bundesgenossen kamen ums Leben. 413 fielen die Spartaner erneut in Attika ein, anders als während des letzten Kriegs, installierten sie sich nun fix. Sparta verbündete sich mit dem früheren Gegner Persien und erhielt so die Mittel, um selbst eine Flotte unterhalten zu können. Bedingt durch das neue Machtverhältnis, brachen immer mehr Bundesgenossen von Athen ab und wurde dadurch deutlich geschwächt. Innenpolitische Überwerfungen verschlechterten die Lage weiter. 411 wussten antidemokratische Kräfte in Athen sich die allgemeine Stimmung zu Nutzen zu machen und setzten eine Verfassungsänderung hin zu einem elitären, oligarchischen System durch. Der Umsturz jedoch war nur von kurzer Dauer. Bereits im Herbst wurden die Putschisten gestürzt und durch eine gemässigte oligarchische Regierung ersetzt. Gänzlich wiederhergestellt wurde das demokratische System im Frühsommer 410. Wichtiges Gegengewicht war eine demokratische Gegenregierung, bestehend aus Angehörigen der Flotte, in Samos gewesen. Athen konnte sich nun, nachdem es einige Niederlagen hatte hinnehmen müssen, wieder auffangen und gewann dadurch neues Selbstvertrauen. Nach einer für die Spartaner vernichtenden Schlacht 410 ersuchten sie um Friedensverhandlungen mit Athen, welche sie aber vom Erfolg gestärkt ausschlugen. Für einige Zeit stellte sich nun wieder ein Gleichgewicht zwischen den Kriegsparteien ein. Im Jahr 407 mussten die Athener im Hafen von Ephesos eine peinliche Niederlage hinnehmen. 406 setzten die Athener in der Schlacht bei den Arginusen den Spartanern hart zu. Dass der Sieg dennoch einen bitteren Nachgeschmack hatte, lag daran, dass versäumt worden war, die Schiffbrüchigen Soldaten rechtzeitig vor einem aufkommenden Sturm aus dem Wasser zu Bergen. Die Strategen mussten sich für diesen opferreichen Fehler vor Gericht verantworten. Alle Sechs welche sich dem Prozess gestellt hatten, wurden zum Tode ver-urteilt. Dieser Prozess sollte als eines der dunkelsten Kapitel in die athenische Geschichte eingehen und war beinahe der Auslöser eines Bürgerkriegs. Endgültig besiegelt wurde die athenische Niederal-ge erst durch eine Reihe von verlorenen Schlachten, die militärstrategisch vermeidbar gewesen wären, in den Jahren 405 und 404. Die athenische Seemacht war endgültig vernichtend geschlagen worden und somit auch das Rückgrat des Seebundes gebrochen. Die Spartaner begannen daraufhin 404 mit der Belagerung Athens und konnten wenig später in den Piräus einfahren. Athen musste die totale Niederlage hinnehmen und es war nur den spartanischen Herrschern zu verdanken, dass Athen nicht total zerstört wurde. Die Mauern aber, welche den Piräus mit der Stadt verbanden, wurden geschliffen, die gesamte Flotte ausgeliefert, die äusseren Besitztümer geräumt und die spartanische Hegemonie musste anerkannt werden. Die Regierung wurde an ein 30köpfiges oligarchisches Gremium übertragen. Die neuen Herrscher errichteten ein Terrorregime, das willkürlich unter der politischen Gegnerschaft mordete. Bereits im Frühjahr 403 wurde das Regime im Verlauf eines Bürgerkriegs gestürzt und die demokratische Verfassung erneut eingerichtet. Beide Kräfte Athen und Sparta gingen geschwächt aus dem Konflikt hervor. Trotz der Niederlage war es Athen, welches sich schneller erholen konnte. Seine alte Grösse konnte der Staat jedoch nie gänzlich wiederherstellen, die demokratische Verfassung jedoch war gefestigter denn je.

Forschungsdiskussion
In diesem Abschnitt soll am Beispiel der Argumentation von Bleicken in seinem Werk „Die athenische Demokratie“ (1995) eine mögliche Forschungsdiskussion dargelegt werden, in welcher verschieden Ansichten gegenübergestellt werden. So postulieren Heuss und Ruschenbusch, dass für die BewohnerInnen Athens nur die Aussenpolitik als richtige Politik zählte, die Innenpolitik sah man nur als eine Unterstützung der Aussenpolitik. Sie sehen die Innenpolitik in Athen generell mehr als Verwaltung, die kaum von Interesse war. Jedoch wird von beiden, wie Bleicken betont, nicht beachtet, dass die Aussenpolitik eine Folge der innenpolitischen Geschehnisse war.
Obwohl die Athener die Innenpolitik als unwichtig ansahen, ist hier die moderne Forschung anderer Auffassung. Im Zentrum ihres Interesses stand unter anderem immer wieder der Arginusenprozess, der jedoch unterschiedlich beurteilt wurde. Viele Historiker folgen den Beschreibungen von Xenophon und Diodor, welche die Verurteilung der Strategen als Rechtsbruch taxieren.
Beloch und Fränkel hingegen versuchen, Xenophon als Unterstützer der angeklagten Strategen darzu-stellen und somit seine Aussagen hinsichtlich des Prozesses als subjektiv abzutun. Sie sehen den Prozess als rechtlich korrekt an. Als Argument bringen sie vor, dass der Prozess vorher durch einen Volksbeschluss legalisiert worden sei. Bleicken dagegen vertritt die Haltung, dass dieser Beschluss den spontanen Willen des Volkes unterstützt habe und aus Recht somit Unrecht mache. Er wendet ein, dass Beloch und Fränkel nicht gesehen hätten, dass so aus der athenischen Demokratie eine Willkürherrschaft gemacht wird, die auf Volksbeschlüssen anstatt auf Recht beruhe.
Anderen Forschern gelingt es besser, Xenophons Darstellung zu widerlegen: Andrews weist auf Unterschiede zwischen Diodor und Xenophon hin, die Xenophon befangen erscheinen lassen, und Mehl beweist, dass der Vorwurf des Rechtsbruch nicht stichhaltig sei.
Nach Bleicken ist es nicht möglich, im Arginusenprozess eine Kollektivanklage nachzuweisen. Es sei auch sehr gewagt anzunehmen, dass es nach der Arginusenschlacht um die Bergung von Toten gegan-gen sei, wie dies von Mehl dargestellt wird und nicht wie gängig angenommen um die Bergung von Schiffbrüchigen. Zudem sei unklar, ob die Todesstrafe damals als gerechtfertigt angesehen wurde. Bleicken meint, dass die kollektive Anklage, die Einschränkung der Verteidigung und der kaum erbrachte Nachweis eines strafwürdigen Tatbestandes beweisen, dass die Todesstrafe, auch nach damaliger Auffassung, zu übertrieben war und nur dadurch gerechtfertigt wurde, dass das Volk be-schliessen konnte, was es wollte.
Németh bringt ein, dass die Oligarchen mit dem Prozess gleichzeitig Freunde des Alkibiades beseitigen wollten und dadurch dessen Macht in Athen zu brechen versuchten. Schuller jedoch argumentiert, dass es schwierig sei auf Grund des Xenophontextes die Akteure bestimmten politischen Gruppen zuweisen zu
wollen.
Lang beweist schliesslich, dass Xenophon den Prozess so beschreibt, wie ihn die Athener später sehen wollten. So bleibt bei ihm der Prozess immer noch ungerecht, doch die Akteure erscheinen in einem anderen Licht.

Bibliographie
Quellen:
Thukydides: Der Peloponnesische Krieg, hg. u. übers. v. H. Vretska/ W.Rinner, Stuttgart 2002.
Literatur:
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Tübingen 1965.
Bleckmann, Bruno: Athens Weg in die Niederlage. Die letzten Jahre des Peloponnesischen Kriegs,
Stuttgart 1998.
Bleckmann, Bruno: Der Peloponnesische Krieg, München 2007.
Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, Paderborn 1995.
Demandt, Alexander: Antike Staatsformen. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte der Alten Welt,
Berlin 1995.
Heftner, Herbert: Der oligarchische Umsturz des Jahres 411 v.Chr. und die Herrschaft der Vierhundert in Athen, Frankfurt am Main 2001.
Hornblower, Simon: s.v. Thukydides, in: DNP 12/1 (2002).
Funke, Peter: Athen in klassischer Zeit, München 22003.
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Schmitz, Winfried: s.v. Peloponnesischer Krieg, in: DNP 9 (2000).
Schmitz, Winfried: s.v. Kleon, in: DNP (2008). http://www.brillonline.nl/subscriber/
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Ste. Croix, Geoffrey Ernest Maurice: The Origins of the Peloponnesian War, London 1972.
Stein-Hölkeskamp, Elke: s.v. Nikias, in: DNP (2008), http://www.brillonline.nl/subscriber/
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